Karamysch (Kutter; Popowka; auch Pfaffenkutter, Parafej-Chutor, Brehning, Neumann)

Wolgagebiet

Geschichte der Siedlung

KARAMYSCH (Kutter; Popowka; auch  Pfaffenkutter, Parafej-Chutor, Brehning,  Neumann), lutherisch-reformiertes Dorf, gegründet am 8. Juli 1767  am Mündungsort des Flusses Popowka in den Fluss Karamysch,  65 km südwestlich von Saratow. Gehörte vor  1917 zum Kolonistenkreis Sosnowka (seit 1871 zur Wolost Sosnowka, später zur Wolost Ust-Solicha und danach zur Wolost Golyj Karamysch) des  Ujesd Kamyschin, Gouvernement Saratow, in der Sowjetzeit – zuerst zum Rayon Karamysch, Ujesd Golyj Karamysch der Arbeitskommune (des Gebiets) der Wolga-Deutschen und  seit 1922 - zum Kanton Golyj Karamysch (1927 in Kanton Balzer umbenannt). Heute gehört das Dorf  Karamysch des Rayons Krasnoarmejsk, Gebiet Saratow, zur Landsiedlung Wyssokoje.

Einwohner:  262 (1767), 353 (1773), 482 (1788; 78 Familien), 574 (1798; 73 Familien), 850 (1816; 111 Familien), 1398 (1834; 154 Familien), 2042 (1850; 161 Familien), 2190 (1857; 174 Familien), 2412 (1859), 2357 (1886), 2124 (1897; 100% deutschstämmig), 4108 (1905), 4343 (1911), 2833 (1920), 2068 (1922), 2114 (1926; 2112 deutschstämmig), 2220 (1931; 100% deutschstämmig). Geburtsort des lutherischen Pastors Alexander Streck (1883– nach 1938).

Kronkolonie. Wurde  von 79 Familien aus Isenburg, Hessen und Preußen gegründet. Unter ersten Siedlern waren der Vorsteher der Kolonie, Handwerker aus Hanau  Christoph Brehning, Johann Just Krol und Andreas Götz aus Würzburg, die Ackerbauer aus Isenburg Johannes Loos und Andreas Schneider, Ackerbauer aus Kurpfalz Johannes Kremer, Handwerker aus Isenburg Filipp Neumann, Handwerker aus Frieburg Balzer Ikes etc. Ihren Namen „Brehning“ erhielt die Kolonie nach dem ersten Vorsteher, die Bezeichnung „Kutter“ stammt vom russischen „Chutor“ (d.h. Vorwerk)   Erhielt entsprechend dem Erlass vom 26. Februar 1768 über Benennung deutscher Kolonien die offizielle Bezeichnung Popowka.

Das Dorf gehörte zur lutherischen Pfarrei Messer (Ust-Solicha). Eine Holzkirche wurde 1809 gebaut, 1852 ebenfalls aus Holz umgebaut.

1769 lebten in der Kolonie 79 Familien, davon waren  78 Familien ackerbaufähig und eine -unfähig; sie zählten 288 Personen. Die Viehbestände der Kolonisten umfassten  167 Pferde, 4 Arbeitsochsen, 167 Kühe und Kälber, 4 Schafe, 17 Schweine. Im Sommer  1768 wurden  694 Quart und 2 Scheffel  (138,9 m3) Getreide gedroschen, im Herbst 1768 wurden 160 Quart (32 m3) Roggen ausgesät.  In der Kolonie gab es 60 Wohnhäuser,  28 Schuppen und 66 Pferdeställe. 1860  gab es im Dorf 173 Gehöfte, 1234 Männer und 1178 Frauen (insgesamt  2412 Personen), eine lutherische Kirche, eine Schule, eine Gewebefärberei, eine Fabrik für die Aufbereitung des Sarepta-Gewebes und eine Mühle.

1874–1875 wanderten aus dem Dorf 73 Personen nach Amerika aus.  Laut der landständischen (Semstwo-) Volkszählung  von  1886 zählte die Kolonie 309 anwesende Haushalte (2357 Personen), dazu  136 dauernd abwesende Familien und 4 Familien der Fremdbevölkerung;  als schreib- und lesekundig wurden  714 Männer und  712 Frauen eingetragen.  Von 307 Wohnbauten waren  204 aus Stein, 103 aus Holz, 2 Bauwerke hatten Metalldächer, 53 waren mit Holz, 252 mit Stroh  bedeckt. Zwei Häuser waren zweistöckig, es gab 9 Produktionsbetriebe, 2 Trinklokale, 4 Verkaufsläden.  Die Siedler verfügten über 218 Pflüge,  36 Harfen, eine Dreschmaschine.  Von drei verfügbaren Getreidelagern (aus Holz, mit Holzbrettern bedeckt) wurde nur ein Lager genutzt, die beiden anderen waren baufällig. Die gemeinschaftliche Wassermühle am Fluss Karamysch lieferte in den 1880er Jahren  einen Gewinn von 300 Rubel im Jahr.   1891 zählte die Kolonie 301 Gehöfte mit 1650 Männern und  1629 Frauen, es gab eine Holzkirche mit Metalldach, eine Kirchengemeinde- und eine Genossenschaftsschule.  1894 waren die Bauwerke aus Holz, Natur- und Backstein, meistens mit Stroh bedeckt, ca. ein Viertel hatte Holz- und 4 Häuser hatten Metalldächer.  Das Anteilland machte 1910  7352 Desjatin Land aus.  1917 gab es eine Webereigenossenschaft.

Während der Hungersnot von 1921 wurden   50 Personen geboren, 414  sind gestorben. In den 1920er Jahren waren verfügbar:  ein Genossenschaftsladen,  eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, eine Grundschule und eine Lesestube. 1926 gehörten zum Landrat das Dorf Kutter, die Dampfmühle von Scheffer. In den 1930er Jahren  bestand die Kolchose „10 Jahre der Autonomie der Wolga-Deutschen“, es arbeitete eine 8-Klassen-Schule.

Im September   wurde die Bevölkerung nach Osten deportiert. Am 5. Juni 1942 wurde der Landrat Kutter in Landrat Karamysch umbenannt.

1995 wurde eine Mittelschule eröffnet, es gibt einen Dorfklub. Unter den erhaltenen deutschen Bauten  gibt es ein Backsteinhaus mit dem darauf aufgetragenen Datum „1912“. Anstelle der abgerissenen Kirche erstreckt sich  ein brachliegendes Gelände. Im Friedhof sind manche deutsche Grabstätten und Grabmäler  erhalten geblieben.

 

Quellen:

1) Князева Е.Е., Соловьева Г.Ф. Лютеранские церкви и приходы России. XVIII–XX вв.: Истор. справочник. Ч. 1. – СПб., 2001.

2) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.

3) Geschichte der Wolgadeutschen http://wolgadeutsche.ru/list/kutter.htm

4) Pleve I. Einwanderung in das Wolgagebiet. 1764–1767. Bd. 2: Kolonien Galka – Kutter. – Göttingen, 2001.