EXPEDITIONEN AUS DEN ARCHIV

Register der deutschen Siedlungen Russlands

Region Altai

W.W. Schajdurow (St. Petersburg)

Die deutsche Besiedlung der Region Altaj

Die ersten Deutschen kamen bereits Anfang des 18. Jahrhunderts als Militärangehörige oder zur Erkundung und Erschließung der Erz- und Gesteinsvorkommen nach Sibirien, gründeten dort Familien und ließen sich dauerhaft nieder. Auch im Manifest von 1763, mit dem die Massenübersiedlung der aus den deutschen Fürstentümern stammenden Auswanderer nach Russland ihren Anfang nahm, war die Barabasteppe bereits als eine der Kolonisierungsregionen ausgewiesen. Nichtsdestotrotz stellten die Deutschen lange Zeit nur einen zahlenmäßig höchst unbedeutenden Teil der in der Region ansässigen Bevölkerung.

In größerer Zahl waren Deutsche eigentlich nur in den als Verwaltungs- und Wirtschaftszentren oder Garnisonsstandort bedeutsamen großen Städten wie Tobolsk, Tomsk, Omsk oder Barnaul vertreten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts standen die meisten der in Sibirien ansässigen Deutschen im Offiziersrang. Auch unter den höheren Beamten der Militär- und Zivilverwaltung waren Deutsche vergleichsweise stark vertreten.

Eine besondere Seite der Geschichte der deutschen Gemeinschaft Sibiriens ist mit der Entwicklung der im Altaj und in Transbaikalien angesiedelten Bergbau- und Hüttenindustrie verbunden. Nachdem im Jahr 1747 mit dem Firmenimperium der Demidows auch die Kupfer- und Silberschmelzhütte in Kolywan (Kolywan-Woskressensker Werk) an den Staat gefallen war, waren dort zahlreiche aus den deutschen Fürstentümern und insbesondere aus Sachsen stammende Bergbauspezialisten, Hüttenwerker und Mediziner beschäftigt, die in den ersten Jahren sowohl in den Bergwerken und Fabriken als auch im Dienstleistungssektor eine zentrale Rolle spielten. Für die Deutschen war Sibirien attraktiv, weil sie dort recht schnell Karriere machen und hohe Gehälter beziehen konnten.

An der Wende zum 19. Jahrhundert wuchs die Berg- und Hüttenverwaltung des Altaj zunehmend mit der Zivilverwaltung des Gouvernements Tomsk zusammen. In der Regel rekrutierten sich die Beamten der Obersten Bergverwaltung dabei aus den Reihen der deutschen Bergwerksingenieure. So waren elf der insgesamt 25 Chefs des Altajer Bergbaubezirks Deutsche in der ersten oder zweiten Generation (Andreas Beer (1696–1751), Johann Christiani, Alexander Frese (1804–1872), A. Ostermeier , A. Gerngross u.a.).

Nach ihrer Übersiedlung in den Altaj fanden die Deutschen im medizinischen Bereich recht schnell eine weitere „Nische“. So lässt sich z.B. den jährlichen Erfassungslisten der Rangbeamten entnehmen, dass im Jahr 1838 unter den zwölf im medizinischen und pharmazeutischen Bereich tätigen Beamten der Altajer Bergbauverwaltung sechs Deutsche der ersten oder zweiten Generation waren. Die deutschen Mediziner zeichneten sich durch ein hohes Ausbildungsniveau aus und hatten in der Regel an russischen oder deutschen Universitäten studiert. So hatten z.B. die 1838 im Dienst des Medizinischen Amts stehenden Friedrich Gebler (Inspektor der Krankenhäuser und Apotheken des Altajer Bergbaubezirks), Pawel Luks (Arzt am Smeinogorsker Lazarett) und F. Lessing (Arzt in den privaten Goldminen des Gouvernements Tomsk) ihre Abschlüsse an der Universität Jena, an der Moskauer Abteilung der Medizinischen Akademie bzw. an der Berliner Universität gemacht.

Eine der herausragendsten Figuren jener Zeit war Friedrich August von Gebler (1782–1850), der Gründer des ersten Heimatkundemuseums in Sibirien, der nach Abschluss seines Studiums an der Universität Jena in russischen Dienst trat und in den Altajer Werken vom einfachen Arzt zum Inspektor für die Krankenhäuser und Apotheken der Bergbauverwaltung aufstieg. Im Altaj wurde zudem sein Interesse für die Naturwissenschaften geweckt, in denen er schon bald reüssierte. In Wissenschaftskreisen machte sich Gebler als Entomologe und Geologe einen Namen und wurde für seine Verdienste zum korrespondierenden Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften berufen.

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts tat sich in Form der mittleren Fachschulbildung eine weitere Nische auf, die die Deutschen besetzten. So war ein großer Teil des Lehrkörpers der 1775 in Barnaul eröffneten Bergbauschule deutsch (der Lehrbetrieb begann erst im Jahr 1785). Die angehenden Bergingenieure wurden von deutschen Archivaren, Pastoren, Architekten und Bergingenieuren unterrichtet.

Mit dem natürlichen Wachstum der deutschen Gemeinschaft besetzten deren Vertreter auch andere ökonomische Nischen. So übten sie dank ihres hohes Bildungsniveaus Führungspositionen als Technische Zeichner in den Bergwerken und Fabriken oder in der Verwaltung des Bergbaubezirks aus.

Als Minderheit innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft konnten die Deutschen allerdings keine kastenartig geschlossene Gesellschaft bilden, weshalb sie sich zu jener Zeit recht schnell assimilierten. Ein typisches Beispiel stellt in diesem Zusammenhang die Familie des bereits erwähnten F. Gebler dar, der mit der Tochter eines Stabsoffiziers verheiratet war, die wie auch seine vier Kinder orthodoxen Glaubens war. In der Regel unterschieden sich die Deutschen der zweiten oder dritten Generation nur noch durch ihren Familiennamen und die Familiengeschichte von der Mehrheitsgesellschaft.

Die Assimilationsprozesse wurden nicht zuletzt durch den Umstand beschleunigt, dass es vor Ort keine Kirchenorganisation gab. Die katholischen und lutherischen Kirchenbezirke waren dermaßen groß, dass die Pater und Pastoren ihre Gemeindemitglieder nur höchst unregelmäßig aufsuchen konnten. So wies z.B. das künftige Mitglied der Akademie der Wissenschaften Erich G. Laxmann, der zu diesem Zeitpunkt die lutherischen Gemeinden in den Bergwerksbezirken Kolywan-Woskressensk und Nertschinsk leitete, in den 1760er Jahren in einem an Schlözer gerichteten Brief darauf hin, dass er regelrechte Reisen unternehmen müsse, um seine Gemeindemitglieder und deren Familienangehörigen aufzusuchen, was angesichts einer Entfernung von gut 3.000 km zwischen Barnaul und Transbaikalien noch sehr zurückhaltend formuliert war.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde Sibirien auch für deutsche Kolonisten bzw. Siedler-Eigentümer zunehmend attraktiv, die der Region bis dahin nur wenig Beachtung geschenkt hatten. Durch eine Reihe von Faktoren begünstigt (häufige Missernten und daraus resultierende Hungerkrisen, Zuspitzung der innerhalb der Gemeinden bestehenden sozialen Gegensätze sowie das ansteckende Beispiel der russischen Bauern, die sich an ihren neuen Siedlungsorten recht schnell etablierten) sollte Sibirien bereits in den 1880er Jahren immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit übersiedlungswilliger Siedler rücken.

In der russischen Geschichtsschreibung herrscht bis zum heutigen Tag keine Einigkeit in der Frage, wo und wann die erste deutsche Siedlung in Sibirien entstand. Wir tendieren zu der Annahme, dass sich die ersten deutschen Übersiedler in Sibirien in der ersten Hälfte der 1880er Jahre auf dem Gebiet des Gouvernements Tobolsk niederließen. Dabei handelte es sich um kleinere, in der Regel aus mehreren Familien bestehende Gruppen, die sich in den dort bereits bestehenden lutherisch-baltischen Siedlungen (z.B. Ryschkowo) niederließen, in denen seit Beginn des 19. Jahrhunderts verbannte Letten, Esten und Finnen lebten. Da das Zusammenleben in ethnisch gemischten Dörfern den Deutschen allerdings letztlich nicht zusagte, sahen sie sich gezwungen, weiter in Richtung Osten zu ziehen, um dort nach Möglichkeiten zu suchen, sich auf Neuland niederzulassen und ethnisch homogene Gemeinschaften zu gründen.

Eine der ersten im Altaj gelegenen rein deutschen bäuerlichen Siedlungen entstand im südlichen Teil der Kulundasteppe, nachdem „lutherische Bauern“ aus dem Gouvernement Tobolsk im Jahr 1885 den Wunsch geäußert hatten, sich auf Kronland niederzulassen. Als sie keine Antwort von der zu jener Zeit für die Umsiedlung der Bauern zuständigen Hauptverwaltung erhalten hatten, wiederholten die Bittsteller 1886 ihr Gesuch und erhielten dieses Mal eine Antwort, der zufolge den „Bauern des Amtsbezirks Nischne-Kulunda des Dorfes Dubrowina“ mitgeteilt wurde, dass ihre Bitte, „eine gesonderte Siedlung im gleichen Amtsbezirk in der Kulunda-Steppe zu gründen“ befriedigt und ihnen erlaubt werde, den Ort im Frühjahr des Folgejahres zu besichtigen und einen Vermesser anzuheuern, wenn sich der Ort als für die Gründung einer eigenen Siedlung geeignet erweise.

Ursprünglich wollten 15 aus verschiedenen Siedlungen des Gouvernements Tobolsk kommende Familien mit insgesamt 53 Personen beiderlei Geschlechts in den Altaj übersiedeln, die Jegor Susik und Adam Weiler zu ihren Bevollmächtigten wählten. Bereits im Oktober 1886 wurde ihnen die Vollmacht erteilt, „von der Führung [...] ein Landstück für die Ansiedlung entgegenzunehmen“.

In den Jahren 1891–92 kamen einige aus dem Gouvernement Samara stammende deutsche Familien in den Altaj, die im westlichen Teil des Bezirks Barnaul auf gepachtetem Staatsland das Dorf Podsosnowo gründeten. Später entstanden dort weitere deutsche Dörfer, die von Übersiedlern aus den Gouvernements Saratow und Samara (katholische und lutherische Dörfer des Amtsbezirks Podsosnowo) sowie aus den Gouvernements Cherson, Taurien, Jekaterinoslaw (mennonitische Siedlungen des Amtsbezirks Orlowo) gegründet wurden.

Ende der 1890er Jahre kamen deutsche Übersiedler aus dem Wolgagebiet in den Bezirk Smeinogorsk (Kreis Altaj), wo um die auf gepachtetem Staatsland gegründete zentrale Kolonie Marienburg herum in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts mehrere deutsche Siedlungen entstanden. Den Daten der Ersten Russlandweiten Volkszählung von 1897 zufolge lebten im Altaj 911 und im Gouvernement Tomsk insgesamt 1.430 Deutsche, die wiederum größtenteils im Kreis Barnaul (545 Deutsche) ansässig waren.

Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Agrarmigration Fahrt auf, an der auch deutsche Kolonisten aktiven Anteil nahmen. Die meisten deutschen Siedlungen wurden zu dieser Zeit in der Kulundasteppe gegründet, wo innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums (1907–10) eine große Siedlungsgruppe entstand. In den ersten Jahren (1907/08) siedelten vor allem Wolgadeutsche nach Sibirien über, die in ihren angestammten Siedlungsgebieten mit ökonomischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten.

Der nächste Höhepunkt der Übersiedlungswelle fiel in das Jahr 1913. Während bei der ersten Welle noch Wolgadeutsche das Gros der Übersiedler gestellt hatten, kamen nun zahlreiche aus der Schwarzmeerregion stammende Deutsche, die sich im südlichen Teil der Kulundasteppe niederließen (Amtsbezirke Slatopol, Lenki, Slawgorod und Troizkoje). Die große Masse der Übersiedler kam zu dieser Zeit aus den Gouvernements Cherson (27,6%), Jekaterinoslaw (23,6%) und Taurien (12,4%). Es entstanden etwa zwanzig neue Siedlungen. 1916 kamen zu den Übersiedlern noch etwa 3.000 deportierte Wolhyniendeutsche hinzu.

Eine Besonderheit der Übersiedlung bestand darin, dass die Deutschen auch an ihren neuen Siedlungsorten bestrebt waren, den ethnisch und konfessionell homogenen Charakter ihrer Siedlungen zu bewahren. Das hatte zur Folge, dass auch in Sibirien kompakte Gruppen protestantischer, katholischer und mennonitischer Kolonien entstanden. So ließen sich z.B. im Amtsbezirk Orlowo ausschließlich Mennoniten nieder, die dort u.a. die Übersiedlerdörfer Orlowskij, Schönwiese, Grünfeld, Halbstadt, Alexanderkron, Chortiza, Alexanderfeld und Rosenwald gründeten. In Kulunda lebten etwa 80% der im Altaj ansässigen Deutschen. Schätzungen zufolge lebten 1917 insgesamt etwa 36.000 Deutsche in der Region, die 221.213 Desjatinen Land bewirtschafteten.

 

Quellen:

  • Центр хранения архивного фонда Алтайского края (ЦХАФАК). Ф. Д-2. Оп. 1. Д. 4145; Ф. 3. Оп. 1. Д. 670.
  • Гришаев В. Барнаул // Немцы России: энциклопедия. Т. 1: А-И. – М., 1999.
  • История и этнография немцев в Сибири / Сост. и ред. П.П. Вибе. – Омск, 2009.
  • История немецких сел Алтайского края // http://newasp.omskreg.ru/alt_nem/hist_sel.html
  • Малиновский Л.В. Немцы в России и на Алтае. – Барнаул, 1995.
  • Матис В.И. Немцы Алтая. – Барнаул, 1996.
  • Немцы Алтая в исторической и этнографической ретроспективах // http://new.hist.asu.ru/german/hist.html
  • Шайдуров В.Н. Формирование и социально-экономическое развитие немецкой диаспоры на Алтае: конец XIX – начало XX вв. – Барнаул, 2003.