Kamenka (Bähr, auch Beer)

Wolgagebiet

Geschichte der Siedlung

KAMENKA (Bähr, auch Beer), katholisches Dorf, gegründet am 6. Juli  1765  (nach anderen Angaben  am 16. September 1764). Liegt am linken Ufer des Flusses Ilowlja am Mündungsort darin des Flusses Kamenka  105 km südwestlich von Saratow. Gehörte bis  1917 zum Kolonistenkreis Kamenka (seit 1871 der Wolost Kamenka), Ujesd Kamyschin, Gouvernement Saratow. Gehörte in der Sowjetzeit zum Rayon Werchnjaja Ilowlja, Ujesd Golyj Karamysch, dann zur ASSR der Wolga-Deutschen, Kanton Kamenka. Ist z.Zt. Dorf Kamenka, Gebiet Saratow, Rayon Krasnoarmejsk, gehört zur Landsiedlung Gwardejskij.

Einwohner:329 (1767), 448 (1773), 535 (1788; 97 семей), 615 (1798; 99 Familien), 897 (1816; 170 Familien), 1406 (1834; 222 Familien), 2219 (1850; 258 Familien), 2456 (1857; 321 Familien), 2508 (1859), 3155 (1886), 3036 (1897; 2964 deutschstämmig), 3098 (1911), 3197 (1920), 2454 (1922), 2662 (1923), 2940 (1926; 2917 deutschstämmig), 3312 (1931; 3289 deutschstämmig). Geburtsort der katholischen Pater G. Stremel  (1851–1921), G. Baier (1871–1938), Professor K.G. Schulmeister (1895–1995).

Kronkolonie, gegründet von  42 Familien aus Mainz, Würzburg und Ostpreußen. Genannt nach dem Fluß, an dem es lag. 1928 erhielt das Dorf Beer den alten Namen Kamenka.

Das Dorf gehörte zur katholischen Pfarrei Kamenka (seit 1765). Die erste Holzkirche wurde 1797 errichtet, 1832 umgebaut. 1890-1907 fand der Gottesdienst in einem umgebauten  Haus statt.  1907 entstand eine neue steinerne Kirche der Heiligen Maria. Seit 1756 existierte eine Kirchenschule, 1860 wurde eine private Genossenschaftsschule eröffnet, die  1881 in eine Semstwo-Schule umgewandelt wurde.

1769 lebten in der Kolonie 103 Familien, davon galten 98 Familien aus ackerbaufähig und 5 als –unfähig. Die Bevölkerung zählte 378 Personen (187 Männer und  191 Frauen). Die Kolonisten verfügten über folgende Viehbestände: 179 Pferde, 260 Kühe und Kälber, 12 Schafe, 27 Schweine. Im Sommer 1768 wurden 1859 Quart und 2 Scheffel Getreide (371,9 m3 gedroschen, im Herbst  1769 wurden 260 Quart Roggen (52 m3) ausgesät. In der Kolonie gab es  68 Wohnhäuser, 120 Scheunen, 10 Pferdeställe.

1862 zählte das Dorf 205 Haushalte mit 1274 Männern und 1234 Frauen, insgesamt  2508 Personen. Es funktionierten eine römisch-katholische Kirche und  eine Schule,  14 Mühlen und ein Produktionswerk, eine Poststation  auf der großen Straße Saratow-Astrachan. Die Ländereien  der Gemeinde umfassten  1857  4790 Desjatin und 11968 Desjatin im Jahr  1910. 1874 wurde eine Neuverteilung nach der Zahl der effektiv präsenten Männer vorgenommen, seither fanden solche Neuverteilungen alle 6 Jahre statt. Die Handwerker und Gewerbetreibenden zählten 1887 ca. 100 Personen einschl. 22 Schuster, 7 Tischler, 7 Zimmerer, 2 Schneider, 19 Müller, 6 Schmiede, 5 Radmacher, 9 Kutscher, 1 Eimerhersteller, 2 Musiker und 1 Weber.

Durch Kamenka verlief eine große Post- und Viehtreiberstraße aus Astrachan nach Saratow. Ca. 1780 entstand eine Poststation, seit  1870  eine Telegraphenstation. 1885 wurden die beiden Stationen zu einer einheitlichen Telegraphenstelle zusammengelegt.  Seit  1865 funktionierte eine  Post- und Reisestation für 12 Pferde. Wöchentlich fanden Märkte statt, zu denen bis 15 Lastfuhrwerke anreisten, zu Pfingsten und am ersten Sonntag nach dem 8. September fanden dreitägige Märkte statt, zu denen über 150 Lastfuhrwerke kamen.

Nach Angaben der landständischen Bevölkerungszählung von 1886 zählte das Dorf 3155 besitzende Siedler (445 Haushalte, 1659 Männer und 1496 Frauen), darüber hinaus  gab es 146 dauernd abwesende Familien, 27 Fremdfamilien mit 128 Personen beiderlei Geschlechts. Als schreib- und lesekundig wurden 725 Männer und 729 Frauen  eingetragen.  Die Auswanderung aus Kamenka erfolgte 1858, 1859 – ca. 40 Familien (104 bei der Bevölkerungsprüfung erfasste Personen) reisten ins  Gouvernement Samara aus. 1886 und 1887 wanderten  35 Familien nach Amerika (nach Argentinien und in die USA) aus.  1879  kehrten  11 Männer und 9 Frauen aus Amerika zurück.

1886 gab es folgende Wohnbauten: 58 Steinhäuser,  253 Holzhäuser und 71 Häuser aus ungebratenen Ziegeln bzw. Lehmhäuser;  2 Häuser mit Metalldach, 241 Häuser mit Dächern aus Brettholz, 138 Häuser mit Strohdach, 1 Haus mit Erdschüttdach, 45 Industriebauten,  3 Kneipen, 9 Verkaufsläden.  Das Agrarinventar der Bauern bestand aus 357 Pflügen; es gab 1272 Arbeits- und Reitpferde, 119 Ochsen,  990 Kühe und Kälber,  1871 Schafe, 1155 Schweine, 375 Ziegen, einem Bienengarten mit 26 Bienenklötzen. Zum Pflügen wurden ausschließlich deutsche Holzpflüge genutzt, es gab sehr wenige eiserne Pflüge. Die Besitzer  eiserner Pflüge  waren bestrebt, diese  zu verkaufen, denn damit ließen sich bergige Felder  schwer bearbeiten. 1884 wurden für  jeden Hauswirt je 50  Quadratfäden  für  Gartenanbau zur Verfügung gestellt. Die Häuser wurden mit getrockneten Kuhfladen und Stroh beheizt, für die Beheizung öffentlicher Gebäude wurde von  naheliegenden Landbesitzern, ca. in 30 Werst Entfernung Holz gekauft.

 Seit 1871 war Kamenka der Sitz der Wolost mit der Wolost-Verwaltung, seit 1891 bestand da die Kanzlei des Semstwo-Vorstehers, es gab einen Tierarzt und einen veterinärmedizinischen Feldscher. 1891 bestand ein Semstwo-Krankenhaus und eine Ambulanz für 10 Betten, es arbeiteten 2 Ärzte, 2 Feldscher und 1 Hebamme. Im Gebäude des Wolost-Vorstandes befand sich eine öffentliche Bibliothek, von der fünf weitere im Radius von 4-12 Werst liegende Ortschaften betreut wurden. Die Funktion eines Bibliothekars wurde von der Wolost-Schreibkraft übernommen.  1898 zählten die Bestände 134 russischsprachige Bücher, es gab keine deutschsprachigen Bücher, 1900 waren es 300 Bücher, im Laufe des Jahres wurde die Bibliothek von 200 Personen in Anspruch genommen. Im Dorf wurden 399 Gehöfte und vorhandene 2237 Männer und 2217 Frauen, insgesamt  4454 Personen erfasst.  1894 gab es  391 Gehöfte: Die Bauten waren aus Holz (203), Ziegeln (9), Stein (169). Die meisten Bauten wurden mit Brettern  (250) und Stroh (118) bedeckt. Es gab ein gemeinschaftliches Getreidelager. Die Ortsbewohner  betrieben vorwiegend Ackerbau und Handel (38 Personen). Es gab Handwerker, nämlich 10 Eisenschmiede, 2 Böttcher, 2 Weber, 4 Radmacher, 9 Schneider, 27 Schuster, 5 Zimmerer, 4 Tischler, 1 Ziegelmacher.

 Während der Hungersnot von  1921 wurden  60 Personen geboren, 153 sind gestorben. Per 1926 gab es im Dorf einen Genossenschaftsladen, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, eine Grund- und eine Siebenklassenschule, eine Bibliothek und einen Klub. Kamenka was die Zentrale der Landratsgemeinde Kamenka (1926 gehörte zur Landratsgemeinde nur das Dorf Kamenka)  und von Kanton Kamenka. 1927 wurde die Zentrale des Kantons  nach Nischnjaja Dobrinka verlegt.  1933  im Dorf die Maschinen- und Traktorstation (MTS) Kamenka eröffnet, von der die Kolchosen Husaren, Kamenka, Pfeifer, Volmer und Schuck bedient wurden. Am 1. Juni  1935  zählten  die  Maschinenbestände der MTS 72 Traktoren,  13 Mähdrescher, 6 LKWs, sie verfügte über eine Wartungsstation für Fahrzeuge. 1935 wurde die Kirche geschlossen und  als Lager und später als technischer Raum der MTS genutzt.

Im September 1941 wurde die Bevölkerung der ASSR der WD nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Nach der Übergabe an das Gebiet Saratow wurde der Kanton Kamenka in den Rayon Kamenka  umbenannt und bald in die Kompetenz des NKWD der UdSSR übergeben. Im Frühjahr 1942 wurde im Raum des Rayons gem. Verfügung des NKWD Nr. 0108 vom 4. April 1942 laut Verordnung des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 31. März 1942 über die Übergabe an den NKWD von Land und Vermögen der früheren Kolchosen des Rayons Kamenka und der  MTS Kamenka und Grimm das Zwangsarbeitslager Kamenka  (Kamenlag, Zwangsarbeitslager Nowokamenskij) gebildet. Die Verwaltung des Lagers hatte ihren Sitz im Dorf Grimm, während in den Dörfern Husaren, Kamenka, Degott, Bauer, Schuck, Franzosen, Messer, Moor etc. die Lagerstandorte eingerichtet wurden.  Die Häftlinge betrieben Ackerbauarbeiten. Zum 1. Januar 1944 sind 477 Zwangsarbeiter gestorben. Kamenlag wurde gem. Verfügung des NKWD vom 1. Juni  1944 geschlossen, die Lagerabteilungen gingen an die Verwaltung für Zwangsarbeitslager und -kolonien der Verwaltung für Gebiet Saratow des Ministeriums des Innern über.

Zurzeit leben im Dorf über 1400 Personen, es gibt einen Kindergarten, eine allgemeinbildende Oberschule, ein Fernmeldeamt, einen Gesundheitsstützpunkt mit Geburtshilfestelle. Über Kamenka geht eine Eisenbahn, jedoch ist die Station außer Betrieb (Angaben von 2010). Die nächste Station Rossoscha ist 11 km nördlicher. 2004 sind die Holzkuppeln und das Dach der früheren Kirche abgebrannt. Der Innenausbau ging bereits vor dem Brand  unter.

 

Quellen:

1) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.

2) Большая саратовская энциклопедия // http://saratovregion.ucoz.ru/region/krasnoarmeyskiy/kamenka.htm

3) Каменский ИТЛ // http://www.memo.ru/history/NKVD/GULAG/r3/r3-185.htm

4) Geschichte der Wolgadeutschen // http://wolgadeutsche.ru/list/kamenka.htm