EXPEDITIONEN AUS DEN ARCHIV

Register der deutschen Siedlungen Russlands

Gebiet Omsk

P.P. Wiebe

DIE ENTWICKLUNG DER DEUTSCHEN BESIEDLUNG DES GEBIETS OMSK[1]

 

Die ersten Deutschen kamen bereits lange vor der Massenübersiedlung der aus dem europäischen Teil Russlands stammenden Kolonisten als Beamte und Militärangehörige nach Sibirien. Durch das 1889 verabschiedete Gesetz „Über die freiwillige Übersiedlung von Landbewohnern und Kleinbürgern auf Kronland und die Ordnung der Erfassung der bereits  übergesiedelten Angehörigen der genannten Stände“ und die Inbetriebnahme der Transsibirischen Eisenbahn erhielten Millionen russischer Bauern die Möglichkeit, sich auf fruchtbarem sibirischem Land niederzulassen. Im Zuge des allgemeinen Migrationsstroms machten sich auch zahlreiche aus unterschiedlichen Gouvernements des europäischen Teils Russlands stammende deutsche Kolonisten auf den Weg nach Sibirien. So entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert die deutsche Diaspora in Sibirien.

In Westsibirien gab es drei Hauptregionen der deutschen bäuerlichen Kolonisierung: 1) die im Generalgouvernement Steppe gelegenen Gebiete Akmolinsk und Semipalatinsk; 2) die im Gouvernement Tobolsk gelegenen Bezirke Tara und Tjukalinsk; 3) die im Gouvernement Tomsk gelegenen Bezirke Barnaul und Smeinogorsk. Abgesehen davon lebte eine kleinere Zahl deutscher Kolonisten in den Bezirken Ischim (Gouvernement Tobolsk) und Kainsk (Gouvernement Tomsk) sowie in einigen anderen Gegenden Westsibiriens.

Die große Masse der Kolonisten ließ sich auf eigens ausgewiesenen Übersiedlergrundstücken nieder, was die einfachste und deshalb auch am weitesten verbreitete Siedlungsform darstellte, die zudem die Möglichkeit bot, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Das erste größere Kerngebiet der deutschen bäuerlichen Kolonisierung entstand im Bezirk Omsk (Gebiet Akmolinsk) auf Kronland, wo Mitte der 1890er Jahre aus den Gouvernements Saratow und Samara stammende, größtenteils lutherische Deutsche die Siedlungen Alexandrowka (1893), Priwalnoje (1894), Sosnowka (1894, Ansiedlung ab 1895), Popowka (1894, Ansiedlung ab 1895) Krasnojarka (1894, Ansiedlung ab 1896) und Nowinka (1896) gründeten.

Im Sommer 1893 gründete eine aus 37 Familien bestehende Gruppe aus den Gouvernements Samara und Saratow stammender Kolonisten die Siedlung Alexandrowka. Deren Abgesandte hatten das ihnen angebotene, am Koskulsee gelegene Landstück zwar zunächst mit der Begründung abgelehnt, dass es dort „weder Fluss noch Heuschlag noch Schwarzerde“ und nur „unnützen Birkenwald“ gebe, dann aber doch von der langen Reise und der Ungewissheit erschöpft akzeptiert. 1904 gab es in der Siedlung bereits 105 Höfe und 286 männliche Einwohner. Als der Gouverneur von Akmolinsk Romanow 1904 Alexandrowka besuchte, sah er eine „wohlgeordnet und wohlhabend“ wirkende Siedlung.

Im September 1894 wurde die Siedlung Priwalnoje gegründet, deren Bewohner in der Anfangszeit in Erdhütten lebten und ihr Wasser aus drei selbst gegrabenen Brunnen bezogen. Als Hilfsleistung bekamen sie durchschnittlich 74 Rubel pro Familie. 1902 merkte A.N. Bukejchanow nach einer Inspizierung der Siedlung an, dass die Übersiedler angesichts der schlechten Wasserversorgung des Landstücks mit den in Sibirien vorgefundenen Lebensumständen äußerst unzufrieden seien und sogar an eine Rückkehr in die Heimat dächten. 1904 gab es in der Siedlung 32 Höfe und 102 männliche Einwohner.

In den anderen Ende des 19. Jahrhunderts im Bezirk Omsk gegründeten deutschen Siedlungen ließen sich bereits nicht mehr zufällig nach Omsk gelangte Kolonisten, sondern zielgerichtet in diese Gegend gekommene Siedler nieder, die aus den Briefen ihrer bereits früher in Alexandrowka und Priwalnoje angesiedelten Landsleute von freien Landstücken erfahren hatten und nach ihrer Übersiedlung auch zunächst in diesen beiden Siedlungen lebten. Mitte der 1890er Jahre wurde im Bezirk Omsk der Amtsbezirk Alexandrowka eingerichtet, zu dem ausschließlich deutsche Siedlungen gehörten.

Zeitgenossen wiesen immer wieder auf die große kulturelle und ökonomische Bedeutung der im Bezirk Omsk gegründeten deutschen Siedlungen hin, in denen viele Handwerker lebten, die verschiedene Gewerke beherrschten. So gab es z.B. in Popowka zahlreiche Töpfer, deren Erzeugnisse erfolgreich mit den in Omsk produzierten Waren konkurrierten, aber nur halb so teuer waren. In allen von Übersiedlern aus dem Wolgagebiet gegründeten deutschen Siedlungen des Bezirks Omsk gab es Sarpinka-Weber. Allerdings konnten sich diese Handwerke angesichts der geringen Kaufkraft sowohl der Kolonisten als auch der kirgisischen Bevölkerung nicht in gebührendem Maße entwickeln.

In den meisten Fällen waren die deutschen Kolonisten mit den ihnen im Bezirk Omsk zugeteilten Landstücken und insbesondere mit der schlechten Wasserversorgung unzufrieden und spielten sogar mit dem Gedanken, an andere Orte umzusiedeln. So wies A. Morosow 1897 nach einer Inspektion der im Bezirk Omsk gelegenen Übersiedlerdörfer darauf hin, dass praktisch der gesamte Amtsbezirk Alexandrowka in den Kreis Minussinsk (Gouvernement Jenisseisk) umsiedeln wolle und die Kolonisten davon träumten, an einem Fluss gelegene Ländereien zu finden. Zu dieser Unzufriedenheit trug in erheblichem Maße der Umstand bei, dass die Übersiedler keinen Zugang zum Ufer des einige Werst vom Amtsbezirk entfernt fließenden Irtysch hatten, da sich die entsprechenden Ländereien im Besitz des Sibirischen Kosakenheeres befanden. Schließlich verließen Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 30 Familien die Region in Richtung des Gebiets Syrdarja und des Gouvernements Jenisseisk. Aus Sosnowka gingen bis zu 20 Familien nach Amerika, in das Gouvernement Jenisseisk oder nach Mittelasien. Einige Kolonisten kehrten auch in den europäischen Teil Russlands zurück.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz kamen immer neue Kolonistengruppen in dieses Kerngebiet der deutschen bäuerlichen Kolonisierung, so dass Anfang des 20. Jahrhunderts im Bezirk Omsk noch einige weitere deutsche Siedlungen entstanden: Swonarjow Kut (1901, Ansiedlung ab 1906), Knjas-Trubezkoje (1904, Ansiedlung ab 1905), Nowo-Skatowka (1904, Ansiedlung ab 1906), Prischib (1904, Ansiedlung ab 1906), Zwetnopolje (1904, Ansiedlung ab 1906), Pobotschnoje (1904, Ansiedlung ab 1906), Nowo-Alexejewskoje (1905, Ansiedlung 1906) u.a.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden auch im Bezirk Akmolinsk (Gebiet Akmolinsk) die ersten deutschen Siedlungen. So wurden 1895 auf dem südlich von Akmolinsk gelegenen Landstück Roschdestwenskoje die ersten zehn aus den Gouvernements Samara und Saratow kommenden deutschen Familien lutherischen Glaubens angesiedelt. 1904 gab es in der Siedlung 75 Höfe und 308 männliche Einwohner, ein aus Torfplaggen gebautes Bethaus, das auch eine Schule für 100 Personen beherbergte, ein aus Lehmziegeln gebautes Getreidelager, 21 private Brunnen, zwei Krämerläden sowie jeweils eine Wind- und eine Wassermühle und zwei Buttereien.

1895 gründeten fünf aus dem Gouvernement Stawropol kommende deutsche Familien unweit von Roschdestwenskoje mit Romanowskij eine weitere deutsche Siedlung, in der es 1904 bereits 117 Höfe und 515 männliche Einwohner gab.

Um die Jahrhundertwende entstanden im Bezirk Akmolinsk u.a. die deutschen Siedlungen Pawlowskoje (1901), Baronskoje (1909), Dolinskoje (1907), Samarkandskoje (1907), Wolynskoje (1907), Nowousenskoje (1907) und Sarepta (1907). Anfang des Jahrhunderts wurden auch im Bezirk Koktschetaw einige Siedlungen gegründet (Wwedenskoje, Slatorunnoje, Kellerowka, Ljubimowka, Rosowka, Linejewka u.a.), wobei sich im Amtsbezirk Kellerowka vor allem Katholiken niederließen.

Insgesamt gab es im Gebiet Akmolinsk 1910 nach Angaben des für Übersiedlungsfragen zuständigen Beamten 46 Siedlungen (darunter zwei Erweiterungen bereits bestehender Siedlungen), in denen 3.430 deutsche Kolonistenfamilien (19.822 Personen) lebten, die über insgesamt 232.190 Desjatinen Nutzland bewirtschafteten.

Das nach dem Zeitpunkt der Gründung und Größe zweite Kerngebiet der deutschen bäuerlichen Kolonisierung in Westsibirien entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den Sumpfwäldern des im Gouvernement Tobolsk gelegenen Bezirks Tara. Bis zur Jahrhundertwende war dies eine Gegend der „ungeordneten Kolonisierung“, so dass die Ansiedlung langsam verlief und auch 1896 noch zahlreiche Landstücke unbesiedelt waren.

Im Juni 1897 sollten in dieser Gegend bis zu 50 für Übersiedler vorgesehene Landstücke ausgewiesen werden. Auch wenn sich die Vermessungsarbeiten verzögerten, begann die Ansiedlung noch im gleichen Jahr. Die Sumpfwälder waren für jene Siedler attraktiv, die keine offizielle Übersiedlungserlaubnis hatten und sich auf eigene Faust nach Sibirien begeben hatten.

Die erste in den Sumpfwäldern von Tara gelegene deutsche Siedlung war die im Jahr 1897 von deutschen Kolonisten aus dem Gouvernement Wolhynien gegründete Siedlung Beresowskij, in deren Gefolge 1898 die Siedlungen Fjodorowskij, Aleksandrowskij, Litkowka, Wischnewskij und 1900 die Siedlungen Romanowskij und Skerlinskij entstanden, wobei anzumerken ist, dass bis zur tatsächlichen Durchführung der Landvermessungsarbeiten und offiziellen Gründung der Siedlungen oft mehrere Jahre vergingen. So wurden z.B. die Siedlungen Beresowskij, Aleksandrowskij und Litkowskij erst 1899 und die Siedlung Wischnewskij sogar erst 1904 offiziell gegründet.

Das Gros der in diesen Siedlungen lebenden Bevölkerung stellten aus den Bezirken Nowograd-Wolynskij und Schitomir stammende landlose Bauern und Pächter von Gutsbesitzerland, die im Zuge der durch die von der russischen Regierung in Wolhynien betriebene kolonistenfeindliche Politik und die innerhalb der dortigen Kolonien bestehenden sozialen Gegensätze ausgelösten ersten Übersiedlungswelle der Wolhyniendeutschen nach Sibirien gekommen waren. Darüber hinaus ließen sich in den Sumpfwäldern von Tara auch aus den Gouvernements Siedlce und Lublin stammende Bauern nieder. Da die eigenmächtigen Übersiedler die nur für legale, über Transitpapiere verfügende Übersiedler geltenden vergünstigen Eisenbahntarife nicht nutzen konnten, kamen sie angesichts der erheblichen Fahrtkosten oft völlig mittellos in Tara an und hatten, als sie auf Weisung der lokalen Führung den Oberlauf des Schisch erreichten, gar keine andere Wahl, als an diesen neuen Siedlungsorten zu bleiben.

Die eigenmächtig nach Sibirien gezogenen und in den Jahren 1897–98 in den Sumpfwäldern angesiedelten Übersiedler hatten keinerlei Anspruch auf staatliche Hilfsgelder oder für den Ankauf von Lebensmitteln und Saatgut vorgesehene Darlehen. Erst nachdem die Region im Jahr 1899 offiziell für die Ansiedlung freigegeben worden war, wurden Hilfsgelder ausgezahlt, die vom vierten Jahr an innerhalb einer Frist von zehn Jahren zurückgezahlt werden mussten. Die Lebensmitteldarlehen mussten innerhalb eines Jahres zurückgezahlt werden.

Die Hauptschwierigkeit bestand darin, den Wald abzuholzen und das künftige Ackerland von Baumwurzeln zu befreien, was eine überaus aufwendige und mühsame Arbeit darstellte. Eine weitere wichtige Aufgabe war der Bau von winterfesten Ställen für das Vieh. Dabei hatte die Unterbringung ihres Viehs für die Deutschen nach Beobachtungen von Zeitgenossen absolut Priorität, während sie selbst in der Regel im ersten und zuweilen auch noch im zweiten Jahr in Erdhütten überwinterten. Allen Missständen zum Trotz legten die Übersiedler bereits in den ersten Jahren ihrer Ansiedlung eine im Vergleich zur alteingesessenen Bevölkerung ungewöhnlich tatkräftige Einstellung an den Tag, ihre Wirtschaft auf rationalerer Grundlage zu organisieren

Die in den Sumpfwäldern von Tara gelegenen deutschen Siedlungen unterschieden sich von anderen Siedlungen sowohl in ihrem äußeren Erscheinungsbild als auch mit Blick auf die die Landnutzung betreffende innere Ordnung. So bestanden die meisten deutschen Siedlungen aus nebeneinanderliegenden Einzelgehöften, bei denen sämtliche Wirtschaftsgebäude und Nutzflächen unmittelbar um das Hofhaus herum lagen und der gesamte Besitz mit allen Wegen und Feldern eingezäunt war.

Daneben gab es aus einzelnen Höfen bestehende Siedlungen, in denen Wälder, Viehweiden und Freiflächen gemeinsam genutzt wurden, während die Höfe selbst sowie die Ackerflächen und Heuwiesen von den Landwirten individuell genutzt und vererbt wurden, wobei streng darauf geachtet wurde, die Nutzflächen gleich zu verteilen.

Die in den Sumpfwäldern von Tara siedelnden deutschen Kolonisten und baltischen Übersiedler waren bei der Einführung der hofbezogenen Landnutzung nicht nur im Gouvernement Tobolsk, sondern in ganz Sibirien Pioniere. So schrieb der Beamte der Kanzlei des Ministerkomitees Sosnowskij in einem seiner Inspektionsreise nach Sibirien gewidmeten Bericht im Jahr 1899, dass die „Livländer, Esten und wolhyniendeutschen Kolonisten“ abgesehen von den neuen Organisationsformen der Landnutzung auch fortschrittliche Anbaumethoden, einen erstaunlichen Fleiß sowie Ausdauer und Beharrlichkeit bei der Arbeit in die Sumpfwälder von Tara gebracht hätten.

Eine weitere Gruppe deutscher Umsiedlerdörfer entstand im Bezirk Tara zur Zeit der Stolypinschen Agrarreformen. 1908 gründeten Deutsche im Amtsbezirk Ajowskaja die Siedlungen Romanowskij, Nowo-Romanowskij und Adamowskij. 1915 gab es im Bezirk Tara zehn deutsche Siedlungen, einige weitere deutsche Familien hatten sich zudem in anderen Umsiedlerdörfern niedergelassen. Insgesamt lebten im Bezirk Tara 252 deutsche Kolonistenfamilien (etwa 1.500 Personen), die etwa 11.000 Desjatinen Land bewirtschafteten.

In dem im Gouvernement Tobolsk gelegenen Bezirk Tjukalinsk lebten bereits lange vor der bäuerlichen Massenumsiedlung nach Sibirien in den Ende der 1850er – Anfang der 1860er Jahre von Esten und Letten im Amtsbezirk Loktinskoje gegründeten Kolonien (Narwa, Riga, Reval) Deutsche.

Die ersten rein deutschen Umsiedlerdörfer entstanden im Bezirk Tjukalinsk in den Jahren der Stolypinschen Agrarreformen. 1907 wurde im Amtsbezirk Kormilowka die Siedlung Wtoroj Fominskij gegründet, die später zur nach der Einwohnerzahl größten deutschen Siedlung im Gouvernement werden sollte. Im Amtsbezirk Bolschemogilnoje wurden 1909 die Siedlungen Smoljanowka und Babajlowka und 1910 die Siedlung Masljanowka gegründet. 1908 gründeten Deutsche im Amtsbezirk Andrejewka die Siedlungen Solituchinskij und Makarinskij (Makarkin), im Amtsbezirk Zaryzino die Siedlung Semjonowskij, im Amtsbezirk Bekischewo das Dorf Tarlyk (Tarlykskij) und 1914 im Amtsbezirk Jelanskoje die Siedlungen Chortizkij und Schurawlinskij. 1915 gab es im Bezirk bereits zehn deutsche Übersiedlerdörfer, in denen 511 Familien (etwa 3.000 Personen) lebten, die 16.256 Desjatinen Land bewirtschafteten. Darüber hinaus lebten einige deutsche Familien in Übersiedlerdörfern mit mehrheitlich nichtdeutscher Bevölkerung. Insgesamt lebten in den im Bezirk Tjukalinsk gelegenen Übersiedlerdörfern im Jahr 1915 595 Familien (etwa 3.500 Personen), die etwa 21.000 Desjatinen Land bewirtschafteten.

Viele der in Westsibirien gelegenen deutschen Siedlungen entstanden auf eigenem oder gepachtetem Land. Auch wenn Verkauf und Verpachtung von Staatsland an Privatpersonen, die ihre eigene Wirtschaft aufbauen wollten, in Sibirien nach dem Gesetz vom 8. Juni 1901 vorgesehen waren, fand der private Landbesitz in Sibirien Anfang des 20. Jahrhunderts keine weite Verbreitung.

Beim Aufbau der auf Privatland errichteten Höfe und neuen Siedlungen spielten vor allem aus Südrussland nach Sibirien übergesiedelte Deutsche eine herausragende Rolle, die den wohlhabendsten Teil der deutschen Diaspora stellten. Im Unterschied zu den deutschen Übersiedlerdörfern entstanden diese Siedlungen in der Regel in vergleichsweise gut erschlossenen Gegenden und waren entsprechend gut an Verkehrswege und Absatzmärkte angeschlossen. In den meisten Fällen lagen sie in der Nähe von Omsk oder entlang der Transsibirischen Eisenbahn, d.h. in den Bezirken Omsk und Petropawlowsk (Gebiet Akmolinsk), im Bezirk Tjukalinsk (Gouvernement Tobolsk) oder im Bezirk Kainsk (Gouvernement Tomsk). Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehörten den Deutschen im Bezirk Omsk 73 Landstücke mit einer Gesamtfläche von 63.995 Desjatinen (44% des gesamten in Privatbesitz befindlichen Lands), im Bezirk Petropawlowsk 17 Landstücke mit einer Gesamtfläche von 13.362 Desjatinen (13% des in Privatbesitz befindlichen Lands) und im Gouvernement Tobolsk 37 Landstücke mit einer Gesamtfläche von 16.681 Desjatinen (5 % des in Privatbesitz befindlichen Lands).

Die große Masse der deutschen Privatwirtschaften lag innerhalb der Grenzen des Gebiets der 2. Abteilung des Sibirischen Kosakenheers, deren Ländereien sich in west-östlicher Richtung (zwischen Petropawlowsk und Omsk) entlang der Sibirischen Eisenbahn und hinter Omsk in südöstlicher Richtung entlang des Irtysch zogen. Die ersten Deutschen kamen Ende des 19. Jahrhunderts auf Ländereien des Kosakenheers. 1915 lebten dort bereits 6.053 Personen, davon 90,5% auf Ländereien der 2. Abteilung.

Die auf dem Land des Sibirischen Kosakenheers lebenden Deutschen stammten in der Regel aus den Gouvernements Cherson, Tauris und Jekaterinoslaw. Hinsichtlich ihrer konfessionellen Zugehörigkeit waren etwa 56% Lutheraner, 22% Mennoniten, 5% Baptisten und 17% Angehörige anderer Konfessionen.

Die unter den auf Kosakenland ansässigen Deutschen am weitesten verbreitete Siedlungsform waren Einzelgehöfte, von denen es 1910 etwa 70 gab. Viele von diesen wurden später zu großen Siedlungen: Solnzewka, Putschkowo, Petrowka, Hoffnungstal, Kornejewka, Nikolajpol, Alexanderkron, Alexandrowka, Jekaterinowka, Scharapowka, Halbstadt, Tschurejewka, Tschunajewka u.a.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden auf Kosakenland einige sehr große Wirtschaften wie z.B. das 1909 gegründete Gehöft des Barons Wladimir Rudolfowitsch Steinheil, das in einer Entfernung von etwa 20 Werst von Omsk bei der Siedlung Stepnaja (Melnitschnaja Staniza) an der Eisenbahn lag.

Im Jahr 1900 gründete Filipp Filippowitsch Stumpf, eine in Omsk bekannte Person des Öffentlichen Lebens, etwa zwölf Werst von der Stadt entfernt am Ufer des Irtysch einen vor allem im Ackerbau tätigen landwirtschaftlichen Großbetrieb, für den er bei der Wirtschaftsverwaltung des Kosakenheeres und den Kosaken der Kosakensiedlung Omskaja 8.000 Desjatinen Land pachtete. Innerhalb weniger Jahre stieg die Saatfläche dieses Betriebs von 92 Desjatinen (1900) auf 1.350 Desjatinen (1912). Es wurden Versuchssaaten ausgebracht. Bei Ausbruch Kriegs war die Stumpfsche Wirtschaft der führende Zuchtbetrieb für Arbeitspferde in der Region.

Große Agrarbetriebe bauten auch I.F. Matthies, Ju.G. Dick, G.G. Dick und G.F. Janzen bei der Siedlung Sachlamskoje, W.G. Neufeld, Ja.I. Reppening und G.Ja. Dick bei der Siedlung Stepnoje sowie I.I. Becker, M. Krüger, G.G. Epp und I. Schmidt bei der Siedlung Nikolajewskoje auf.

Im Gouvernement Tobolsk entstanden zur Zeit der Stolypinschen Agrarreformen einige deutsche Kolonien auf gepachtetem Kronland. So gründeten zehn aus dem Bezirk Nowousensk (Gouvernement Samara) stammende Familien im Amtsbezirk Bekischewo (Bezirk Tjukalinsk) die Siedlung Gurowka. 1914 entstanden im Amtsbezirk Ljubinskij (Bezirk Tjukalinsk) die deutschen Siedlungen Kasanzewskij und Beljajewskij und im Amtsbezirk Bolschemogilnoje (Bezirk Tjukalinsk) die Siedlung Pomogajewskij.

Im Bezirk Tjukalinsk befanden sich auch die meisten auf Privatland gegründeten deutschen Kolonien. 1899 erwarben die Mennoniten G.A. Braun und Esau im Amtsbezirk Krutye Luki von dem Besitzer Kirjanow ein auf dem rechten Ufer des Flusses Om unweit der Transsibirischen Eisenbahn gelegenes Landstück, auf dem sie die Kolonie Kirjanowka gründeten, in der sich später noch eine weitere Gruppe Mennoniten niederließ. 1916 hatte die Siedlung 77 Einwohner. Heinrich Abramowitsch Braun gehörten 1.500 Desjatinen Land. Es gab eine Butterei mit festem Benzingenerator, der auch eine Dreschmaschine antrieb. Der Betrieb verfügte über 32 Pferde und 34 Rinder.

Im Amtsbezirk Kulatschinsk (Bezirk Tjukalinsk) entstanden an der Wende zum 20. Jahrhundert zwanzig in Privatbesitz befindliche deutsche Güter, von denen viele später ebenfalls zu größeren Ortschaften wuchsen: Kramlewka, Dewjatirikowka, Chaldejewka, Trusowka, Klassino, Borodinka, Kirjanowka, Tschutschkino und andere. Ein erheblicher Teil dieser Güter befand sich in mennonitischem Besitz. So erwarben K.K. Esau, I.K. Esau, I.I. Siemens und andere im Jahr 1900 für 24.000 Rubel ein insgesamt 1.400 Desjatinen großes Anwesen (Landstück Trusowka), auf dem sie ihre eigene Genossenschaft gründeten. 1913 lebten in Trusowka sieben selbständige Landwirte. Die Siedlung wurde von Angehörigen der zur konservativsten Richtung der Mennoniten gehörenden Peters-Gemeinde gegründet, deren Mitglieder neben Trusowka auch die ebenfalls im Amtsbezirk Kulatschinsk gelegenen Siedlungen Dewjatirowka, Borodinka, Chaldejewka und Kirjanowka gründeten.

Anfang des Jahrhunderts gründete Richard Genrichowitsch Specht auf seinem im Amtsbezirk Kulatschinsk (Bezirk Tjukalinsk) gelegenen Gut einen großen Milchbetrieb, für den er 1901 für 21.000 Rubel 350 Desjatinen Land erwarb und weitere 350 Desjatinen vom Staat pachtete. In dem Betrieb wurden Butter und Tilsiter Käse erzeugt, wofür etwa 400 Kühe gehalten wurden. 1905 wurde die Milchproduktion wegen fehlender Arbeitskräfte eingestellt und der Betrieb auf Ackerbau umgestellt.

Eine der größten privaten deutschen Landbesitzungen in Sibirien befand sich im Amtsbezirk Krasnyj Jar (Bezirk Ischim/ Gouvernement Tobolsk) und gehörte dem Mennoniten Iwan Filippowitsch Wiebe, dessen im Dorf Orlowo (Amtsbezirk Halbstadt/ Bezirk Berdjansk/ Gouvernement Taurien) ansässiger Vater das 6.000 (anderen Quellen zufolge 6.400) Desjatinen große, 65 Werst von Petropawlowsk entfernte Landstück 1909 dem Unternehmer L.D. Smolin abkaufte. 1913 gab es in dem Betrieb 36 Kühe der Charolais-Rasse und zwei Shorthorn-Stiere, die eigens aus dem im Gouvernement Taurien gelegenen Gut Kampenhausen herangeschafft worden waren. Die in dem Betrieb erzeugte Butter wurde in Petropawlowsk vermarktet. In dem Betrieb waren 17 Arbeiter beschäftigt.

1908 gründeten I.A. Wegner, G.Ch. Schwarz, A.M. Boger, F.A. Kehl und andere insgesamt 24 aus der Siedlung Riebensdorf (Bezirk Ostroroschsk/ Gouvernement Woronesch) übergesiedelte Landwirte im Amtsbezirk Belowo (Bezirk Ischim/ Gouvernement Tobolsk) auf Privatland die in einer Entfernung von zehn Werst vom Eisenbahnkreuz Kondratow am Mochowojesee gelegene Großsiedlung Peterfeld. Die Kolonisten betrieben Ackerbau, lebten in Frieden mit der örtlichen Bevölkerung, unterhielten aber keine engen Kontakte. Insgesamt besaßen oder pachteten die etwa 189 im Gouvernement Tobolsk lebenden deutschen Familien zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs etwa 25.000 Desjatinen Land.

So entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert infolge der massenhaften freiwilligen Übersiedlung auf dem Territorium des Gebiets Akmolinsk und des Gouvernements Tobolsk ein großes kompaktes deutsches Siedlungsgebiet mit insgesamt etwa 40.000 Menschen, die etwa 180 Ortschaften gründeten, deren ökonomisches Zentrum Omsk war.

Infolge des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs nahm die Migrationsaktivität in Westsibirien deutlich zu, was das Gesamtbild der Ansiedlung der Deutschen allerdings nicht wesentlich veränderte.

In den 1930er-40er Jahren wurde die Entwicklung der deutschen Bevölkerung vor allem durch Binnenmigration innerhalb der Grenzen der Region und insbesondere durch die Deportation der in der Autonomen Republik der Wolgadeutschen und in anderen Regionen des europäischen Teils der UdSSR lebenden Deutschen geprägt, in deren Folge viele deportierte Deutsche in die Rayone Bolscheretschje, Isilkul, Kormilowka, Krutinka, Nasywajewsk, Odesskoje, Tawritscheskoje, Tara und Tjukalinsk kamen.

1959 lebten im Gebiet Omsk 105.728 Deutsche, davon 91.089 in ländlichen Regionen. Hauptsiedlungsgebiete waren die Rayone Ljubinskij, (10.214 Personen), Uljanowskij (9.636), Asowo (9.901), Moskalenki (7.618), Isilkul (7.539), Marjanowka (6.759), Scherbakul (4.918), Poltawka (3.698), Nasywajewsk (3.397) und Russkaja Poljana (3.016). Bis in die frühen 1990er Jahre blieb die geographische Verteilung der deutschen Besiedlung praktisch unverändert. Bei der Volkszählung von 1989 lebten im Gebiet Omsk über 134.000 Deutsche, davon 11.371 im Rayon Omsk, 10.214 im Rayon Ljubinskij, 10.187 im Rayon Moskalenki, 8.578 im Rayon Isilkul, 8.373 im Rayon Marjanowka, 8.300 im Rayon Tawritscheskoje, 7.877 im Rayon Scherbakul und 5574 im Rayon Odesskoje.

Am 17. Februar 1992 wurde per Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Russischen Föderation im Gebiet Omsk ein deutscher Nationalrayon mit Zentrum im Dorf Asowo eingerichtet, zu dem Teile der Rayone Tawritscheskoje, Omsk, Marjanowka, Odesskoje und Scherbakul gehören.

In den 1990er Jahren begann die Massenausreise der im Gebiet Omsk lebenden Deutschen nach Deutschland. Andererseits kamen zahlreiche Deutsche aus Kasachstan und Mittelasien in das Gebiet, die es allerdings in vielen Fällen nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Deutschland ansahen.

 

Quellen

  • Государственный архив Омской области (ГАОО). Ф. 2122. Оп. 1. Д. 328.
  • Российский государственный исторический архив (РГИА). Ф. 391. Оп. 2. Д. 286; Оп. 4. Д. 235; Оп. 6. Д. 316; Ф. 1273. Оп. 1. Д. 408.
  • Тобольский филиал Государственного архива Тюменской области (ТФ ГАТО). Ф. 3. Оп. 1. Д. 396.
  • Центральный государственный архив Республики Казахстан (ЦГА РК). Ф. 369. Оп. 1. Д. 8820, 9487.
  • Земли для коневодства и скотоводства в Азиатской России. – СПб., 1913.
  • Материалы по переселенческому хозяйству в Степной и Тургайской областях. – СПб., 1907. – Т. 5.
  • Морозов А. Переселенческие поселки Омского уезда в 1897 году // Зап. ЗСОИРГО. – Омск, 1900. – Кн. 27.
  • Приложения к всеподданнейшему отчету статс-секретаря Куломзина по поездке в Сибири для ознакомления с положением переселенческого дела. – СПб., 1896.
  • Юферев В. Переселенцы в Тарских урманах // Вопросы колонизации. – 1907. –№ 2

 


[1] Siehe auch: Wiebe, P.P.: Formirovanie nemeckogo naselenija Omskoj oblasti i sopredel'nych territorij // Katalog ėtnografičeskoj kollekcii ros. nemcev v sobranii Omskogo gos. Istoriko-kraevedčeskogo muzeja [Die Entwicklung der deutschen Besiedlung des Gebiets Omsk und der angrenzenden Territorien. In: Katalog der ethnographischen Sammlung der Russlanddeutschen in der Sammlung des Staatlichen Historisch-Heimatkundlichen Museums Omsk]. Hrg. v. I.V. Čerkazjanow. Omsk, 1997, S. 6–25.