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Wolga-Gebiet

I.  Plewe, A. Herrmann

Die Wolga-Deutschen

Die ersten Deutschstämmigen, die in den Raum des Wolga-Gebiets bereits in der Zeit des Zaren Alexej Michajlowitsch gelangten, waren „deutsche Bedienstete“. Es liegen Überlieferungen über die Präsenz solcher Deutschen in den Garnisonen von Samara, Saratow, Zarizyn und Astrachan vor. Einige von ihnen brachten es sogar zu Woiwoden, bekleideten sonstige hohe Positionen im Staatsdienst. 1671–72 wurde Samara vom Woiwoden W.J. Everlakow (deutsch „von Overlacker“) verwaltet. Es wurde von A.D. Fanwisin (Fanwisin, Fonwisin), dem Vertreter der angesehenen Adelsfamilie von Wisen abgelöst. Dieser bekleidete seinen Posten bis 1674. 1673 wurde die Errichtung eines neuen Teils von Saratow am rechten Wolga-Ufer in Angriff genommen, geleitet vom Oberst A. Scheel, der angewiesen wurde, „auf den Bergen eine neue Stadt“ aufzubauen.  Scheel legte eine außergewöhnliche Begabung im Bereich der Feldbefestigungen und die Eigenschaften eines geschäftstüchtigen und entschlossenen Mannes an den Tag. So scheute er keine Konflikte  und befahl, den Fischereihof des einflussreichen Nowospasskij Klosters  abzutragen, der den Bau behinderte. Die von Scheel begründete Stadt diente als Grundlage für die heutige Stadt  Saratow. In den Folgejahren war Scheel der dritte Deutschstämmige, der den Posten des Woiwoden von Samara innehatte (1676–78).  Unter seiner Führung verstärkte sich wesentlich die Rolle Samaras nicht nur als einer Militärfestung, sondern auch als eines zentralen Standorts für den  durchgehenden Land- und Binnenwasserhandel an der Wolga.

Im Rahmen der auf die Erschließung der schwach bevölkerten Randgebiete gerichteten Kolonisierungspolitik des Russischen Reiches setzte nach der Verabschiedung der Manifeste von Zarin Katharina II vom 4. April und 22. Juli 1763 der Zustrom ausländischer Kolonisten ins Wolga-Gebiet ein. Die erste, vorwiegend aus Handwerkern und  Spezialisten für Maulbeerbaumzucht bestehende 20-köpfige Kolonistengruppe erklärte sich  bereit, nach Astrachan zu gehen, wo sie im Oktober 1763 ankam. Nachfolgend wurden  von den Kolonisten die Territorien besiedelt, die in der Nähe von Saratow an beiden Wolga-Ufern lagen. Zum  Vertreter der Tutel-Kanzlei für Ausländer wurde für Saratow der Assessor  I. Reis bestellt. Im Herbst 1763 begab er sich mit einer Gruppe von über 200 Kolonisten nach Saratow. Die ersten Kolonistengruppen  kamen nach Saratow, indem sie auf Lastfuhrwerken aus Oranienbaum über Peterhof, Nowgorod, Twer, Moskau, Rjasan, Pensa und Petrowsk reisten. Seit 1764 wurden für den Transport der größeren Kolonistengruppen der Binnenwasserweg wie folgt genutzt: Aus St.-Petersburg über  die Newa, den Ladoga-Kanal und Wolchow nach Nowgorod, weiter über die Msta nach Werchnij Wolotschok. Auf dem Landweg wurde eine Strecke bis Torzhok zurückgelegt, danach ging es über den Fluss Twerza nach Twer und von dort aus über die Wolga über Jaroslawl, Kostroma, Nischnij Nowgorod. Die Kolonisten wurden gruppenweise ins Wolga-Gebiet geschickt, so dass  sie die Winterzeit an verschiedenen Orten von Twer bis Samara verbringen und jährlich in der Zeit zwischen Mai und August in Saratow ankommen konnten.  Die Reise nach Saratow war lang und beschwerlich. Unterwegs kamen 3,3 Tausend Personen (12,5% der an die Wolga zugewiesenen  Kolonisten) ums Leben.

In Saratow  angekommen, wurden die Siedler zuerst bei den Stadtbewohnern (und seit 1765 in 16 extra für die Umsiedler gebauten Kasernen) einquartiert. Zum April 1764 wurden von dem Reis-Team die Standorte für die ersten fünf Kolonien festgelegt. Drei Kolonien – Dobrinka, Ust-Kulalinka und Sosnowka – lagen südlich von Saratow am rechten Wolga-Ufer. Dort befanden sich auch die beiden weiteren, jedoch in einer Entfernung zum Fluss. Jede von ihnen, ebenso wie alle später entstandenen Kolonien, wurde unter Berücksichtigung der Landschaft und stehts an einer Wasserquelle angesiedelt. Für die Kolonistensiedlungen gab es zwei Typenpläne: für 40 und 64  Häuser. 1765 wurden 8 Kronkolonien wie Golyj Karamysch, Schtscherbakowka, Werchnjaja Kulalinka, Kamenka und Lesnoj Karamysch auf dem rechten Wolga-Ufer, Podstepnaja, Teljauzsa und Zwonarjowka in der Nähe des linken Wolga-Ufers gegründet. Im gleichen Jahr entstand  auf der Bergseite die Kolonie Rossoschi als erste Werberkolonie, die dem  Werber Debof als  Residenz  diente. In der Nähe der bestehenden Kolonien, jedoch in immer größerer Entfernung zur Wolga wurden im Jahr 1766 folgende Kolonien angelegt: 8 Kronkolonien – Ust Solicha, Kljutschi, Gololobowka,  Elschanka, Werchnjaja Dobrinka (auf der Bergseite), Lugowaja  Grjasnucha, Stariza und Zwonarjow Kut (auf der Wiesenseite); 6  Werberkolonien von Debof – Potschinnaja, Grjasnowatka, Kopjonka, Kamennyj Owrag, Makarowka und Karamyschewka (alle am rechten Ufer);   erste 9 Kolonien des  Werbers Leroy hinter der Wolga – Tonkoschnurowka, Susly, Lipow Kut, Haisol, Osipowka, Lipowka, Krutojarowka, Otrogowka und Raskaty sowie die beiden ersten Kolonien des Werbers Baron de Canneau de Beauregard – Jekaterinenstadt und Beauregard. 1767 entstanden 55 Kolonien, viele von ihnen, die bereits mehrere Dutzend Kilometer von der Wolga entfernt waren. Dazu gehörten 21 Kronkolonien – Bujdakow Bujerak, Krestowyj Bujerak, Wodjanoj Bujerak, Werchnjaja Grjasnucha, Ust-Grjasnucha, Panowka, Gniluschka, Semjonowka, Ilawlja, Karaulnyj Bujerak, Popowka, Norka, Splawnucha, Jagodnaja Poljana, Linjowo Osero, Medweditzkij Krestowyj Bujerak, Gretschinaja Luka, Peskowatka (auf der Bergseite), Krasnyj Jar und Ust-Karaman (auf der Wiesenseite); 14 Kolonien des Werbers Beauregard: Orlowskaja, Susannental, Baratajewka, Paninskaja, Bern, Zürich, Boaro, Zäsarsfeld, Ernestinendorf, Canneau, Niedermonjou, Filippsfeld, Paulskaja; 16 Kolonien des Werbers Leroy -  Priwalnaja, Krasnopolje, Kotschetnaja, Kustarjowa, Krasnorynowka, Rownaja, Skatowka, Tarlykowka, Tarlyk, Popowkina, Jablonowka, Wolskaja, Stepnaja, Zaumorje, Berjosowka, Kositzkaja; 4 Kolonien des Werbers Debof: Werchowje, Pamjatnaja, Werschinka und Oleschnja. 1768 gründete Beauregard  mit Kolonisten, die 1767 ankamen  und den Winter in bereits bestehenden Kolonien verbrachten, am  linken Wolga-Ufer nördlich von Saratow 12 weitere Kolonien – Schafhausen, Glarus, Basel,  Zoloturn, Zug, Luzern, Bern, Unterwalden, Baskakowka, Resanowka, Brokhausen und Hockerberg,  die er zusätzlich um ca. 100 von ihm 1767 und 1768 angeworbenen Familien ergänzte.  1773 wurde aus der letzten Siedlergruppe die Kronkolonie Pobotschnaja  gegründet. 137 Kolonisten ließen sich in Saratow nieder und gründeten dort bald ihren eigenen Deutschen Vorort („Nemetzkaja Sloboda“). Bereits 1765 entstand am rechten Wolga-Ufer 400 km südlich von Saratow bei Zarizyn die Kolonie Sarepta. Somit  entstanden 1763–1773 im Wolga-Gebiet  105 Kolonien (42 Kron-  und 63 Werberkolonien), in denen  23,2 Tausend  Kolonisten angesiedelt wurden, 60% von ihnen waren Ackerbauer und der Rest beherrschte mehr als 150 verschiedene Gewerbe.

Trotz großer Schwierigkeiten wurden alle Kolonistenfamilien mit eigenem Wohnraum versorgt. Insgesamt  wurden  zum Ende 1767 im Wolga-Gebiet  3453 Häuser und im Folgejahr weitere 998 Häuser gebaut. Nur bei einem Teil der vom Werber vermittelten Kolonisten mussten 1768–69 je zwei Familien in den Häusern untergebracht werden. Die Häuser und Gehöfte  für die Kolonisten wurden von Handwerkern errichtet, die nicht nur aus naheliegenden russischen Dörfern, sondern auch aus vielen anderen Ortschaften Russlands angeworben wurden.  Die Errichtung von Wirtschaftsbauten nahm einige Jahre in Anspruch und wurde erst gegen Ende 1769 abgeschlossen. Eine wichtige Tätigkeitsrichtung von I. Reis  und der seit 1766 in Saratow gebildeten Tutel-Kanzlei bildete die Versorgung der Kolonisten mit dem erforderlichen landwirtschaftlichen Inventar  und Vieh. Die meisten Kolonistenfamilien erhielten je 2 Pferde und eine Kuh, dafür  musste das Vieh nicht nur aus dem Wolga-Gebiet, sondern auch aus anderen Regionen des Landes bezogen werden.

Ursprünglich wurden die Kolonien in 12 territoriale Verwaltungskreise unter der Leitung der Kreiskommissare eingeteilt, jedoch reduzierte sich ihre Zahl später auf 11 Siedlerkreise (Sosnowka, Norka, Baron, Tarlyk etc.), denn manche von ihnen mussten  in Ermangelung der Kreiskommissare  von der Tutel-Kanzlei zwecks einer effektiveren Verwaltung zusammengelegt werden. Der Einteilung wurden drei Grundsätze – konfessionell, territorial und behördlich – zugrunde gelegt.

Die Zeit der ungeordneten Lebensumstände der ersten Jahrzehnte nach der Ankunft der Siedler war vorbei. Der Wohlstand sowohl einzelner Familien als auch ganzer Kolonien war gestiegen. Jedoch stieß die erfolgreiche Entwicklung der Kolonien auf ein neues Problem, nämlich auf Landmangel. In der Zeit zwischen  der 5. (1788) und der 6. (1834) Volkszählung hat sich die Bevölkerungszahl der Kolonien verdreifacht. Dieser Umstand wirkte sich logischerweise auf die Stabilität der Kolonistenhaushalte aus.  1834 entfielen auf jede männliche Person in den Kolonien der Bergseite lediglich 7-10 Desjatin Land.

Der Mangel an Land brachte bei einer Reihe von Kolonistenfamilien den Wunsch hervor, in die Ortschaften außerhalb des Wolga-Gebiets zu ziehen.  Anfang der 1830er Jahre entschieden sich einige Wolga-Kolonisten, eigenmächtig in die Kaukasus-„Linie“, ins Gouvernement Stawropol umzusiedeln, wo sie  die Kolonie Johannesdorf und zusammen mit schottischen Missionaren die Kolonie Karras gründeten. 1850 setzte die zweite Welle spontaner Umsiedlung in den Nordkaukasus ein. Trotz strengen Umsiedlungsverbots und der angedrohten harten Bestrafung wurde 1859 von einigen Kolonistenfamilien aus dem Wolga-Gebiet die Kolonie Alexandrowskaja am Festungswerk  Naltschik des Ujesd Pjatigordk gegründet. Die Kolonisten baten aktiv  um die Genehmigung,  in den Kaukasus umsiedeln zu dürfen, die am  25. April 1865 erteilt wurde. Infolge der Umsiedlung landloser Kolonisten von der Wolga  ins Gouvernement Stawropol  wurde eine weitere Kolonie – Canneau – gegründet. Insgesamt  zogen 1838–1871 aus dem Wolga-Gebiet über 1300 Kolonisten in den Nordkaukasus.

Laufende Anfragen der Tutel-Kanzlei Saratow an St. Petersburg über die Bereitstellung zusätzlicher Ländereien an die Kolonisten hatten zur Folge, dass vom  Department I für Staatsvermögen am 12. März 1840 die Verordnung „Über Versorgung der Kolonisten des Gouvernements Saratow  mit Land je nach Personenzahl laut der 8. Volkszählung“ verabschiedet wurde. Die Verabschiedung dieser Verordnung wurde dadurch bedingt, dass „die Kolonisten die ihnen  durchaus zustehenden (aufgrund des Allerhöchsten Erlasses vom 4. Dezember 1797) Pro-Kopf-Anteile von 20 Desjatin aufgrund der 5. Volkszählung noch nicht erhalten hatten, während  die Bevölkerung in den Kolonien Saratows stark anstieg und diese Kolonisten unter  spürbarem Mangel an Land leiden mussten“. Die Pro-Kopf-Fläche des  zuzuweisenden Grunds und Bodens wurde auf 15 Desjatin festgelegt. Vom Department wurde verordnet, solche großflächigen Grundstücke zu ermitteln, wo besondere Kreise gebildet werden konnten. Das bürokratische Hin und Her führte zum beträchtlichen Verzug in der Abwicklung dieses Beschlusses. Die  für die Übersiedlung bereitzustellende Landfläche konnte erst gegen Ende 1844  ermittelt werden.  Den Kolonisten der Wolga-Wiesenseite wurden 125076 Desjatin und denjenigen der Bergseite  246320 Desjatin zur Verfügung gestellt. Im Folgenden wurden diese Zahlen etwas geändert.  Die den Kolonisten bereitgestellten Ländereien befanden sich in beträchtlicher Entfernung von  den bestehenden Kolonien, was die Notwendigkeit der Gründung von Tochterkolonien verursachte. Auf  den  Grundstücken, die den Bewohnern des linken Wolga-Ufers bereitgestellt wurden, begann 1848 die Gründung neuer Siedlungen.  Sie entstanden in folgender Reihenfolge:  Rosental, Lilienfeld und Neu-Boaro (1848); Fresenthal, Sichelberg, Rosendamm, Weizenfeld und Alexanderdorf  (1849); Gnadenflur (1850); Marienburg, Mannheim, Neu-Urbach, Alexanderge und Neu-Tarlyk (1859); Wiesenheim und Lisandrowka  (1861), Neu-Mariental (1864). Später wurden 3 Kolonien – Wiesendorf, Lisandrowka und Alexanderdorf – aufgelöst und ihre Bewohner in die Kolonien Rosendamm, Marienburg und Alexanderge verlegt. Seit 1855 begannen die Kolonisten der Wolga-Bergseite mit der Gründung von Tochterkolonien am linken Ufer. Es entstanden 32 Kolonien: Eckheim, Friedensfeld, Ährenfeld, Gnadenfeld, Neu-Sosnowka, Brunnental, Marienberg  (1855); Schönthal (1857); Schöndorf und Schönfeld (1858); Katharinental, Jagodnaja, Konstantinowka, Neu-Bauer, Rosenfeld, Hoffental, Langenfeld, Bajdeck und die daran angeschlossene Kolonie Kirchheim (1859); Hussenbach, Wiesenmiller, Friedenberg, Gnadentau, Canneau, Morgentau, Straßburg, Blumenfeld und Neu-Galka (1860); Frankreich, Alt-Weimar, Neu-Weimar (1861); Streckerau (1863); Strasendorf (1871). Auf der Wolga-Bergseite  wurde für die Tutel-Kanzlei Saratow das Gelände der sogenannten stadteigenen Ländereien von Kamyschin  zur Verfügung gestellt, wo 11 Kolonien entstanden:   Rosenberg, Erlenbach und Oberdorf (1847); Neu-Norka (1861); Marienfeld und Josefstal (1852); Unterdorf und Alexanderstal (1853); Neu-Balzer, Neu-Dönhof, Lisanderdorf  (1863). Insgesamt siedelten bis zum Drittel der Kolonisten  aus den Mutterkolonien in die Tochterkolonien um, indem sie 61 Kolonien bildeten: 50 davon befanden sich im Ujesd Nowouzensk und 11 im Ujesd Kamyschin. Auf der linken Wolga-Seite machten  neue Kolonien 4 Ujesd aus: Werkhnij Karaman, Nizhnij Karaman,  Jeruslan und Torgunskij. 8 Kolonien des Ujesd Kamyschin machten den Kreis Ilawlja aus und 3 Kolonien blieben  unter Verwaltung ihres Ausgangskreises Sosnowka.  In den neu entstandenen Tochterkolonien sowohl auf der rechten, als auch auf der linken Wolga-Seite wurden alle Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen nach dem Vorbild  der Mutterkolonien aufgebaut.

1871 wurden die Kreise nach dem Übergang der Kolonisten in die Zuständigkeit der gemeinschaftlichen lokalen Verwaltungsorgane in die Wolost  umgewandelt. Dabei wurden aus größeren Kreisen mehrere Wolost gebildet. So entstanden z.B. aus dem Kreis Norka die Wolost-Einheiten  Norka, Linjowo Osero, Medwediza und Oleschnja, aus dem Kreis Tarlyk die Wolost-Einheiten Rownaja und Stepnaja Schentala, aus dem Kreis Jeruslan die Wolost-Einheiten  Werchnij Jeruslan, Nischnij Jeruslan und Bizjuk.

Die letzte Welle der Auswanderung aus Deutschland an die Wolga brachte Mennoniten aus Preußen in die Ujesd Nowouzensk und Samara, Gouvernement Samara.  1853 wurde zwischen den Vertretern der Mennoniten und der russischen Regierung die Kompaktansiedlung von 100 Familien auf freiem Land am linken Wolga-Ufer vereinbart.  Beim Abschluss dieser Vereinbarung wurden ihnen beträchtliche Privilegien eingeräumt: Jede Familie erhielt 65 Desjatin ackerbares Land, was weit über der den Kolonisten im 18. Jh. zugesicherten Landzuweisung lag. Die Mennoniten wurden für 3 Jahre ab  Ansiedlungsdatum von allen Gebühren und Lasten befreit. Ferner wurde ihre Befreiung von der Ableistung des Militärdienstes für 20 Jahre vertraglich festgehalten. Nach Ablauf dieser Zeit wurde die Beibehaltung des Rechts vorgesehen, keinen Armeedienst ableisten zu müssen, jedoch waren von jedem Kreis 300 Rubel zu zahlen. Seit April 1854 trafen die ersten Mennonitenfamilien in Russland ein. Anfangs ließen sie sich bei ihren Glaubensgenossen in den Kolonien am Fluss Molotschnaja in Südrussland nieder. Dieser Zwischenhalt wurde dadurch bedingt, dass im Kreis Nowouzensk noch die endgültige Feststellung der Standorte und  Landvermessung  vorzunehmen war. Nach der Prüfung aller angebotenen Varianten erklärten sich die Mennoniten bereit, sich am Standort der früheren Salzstraße an der Mündung des Quellenflusses Malyschewka in den Fluss Garlyk niederzulassen. Im Herbst 1854 wurde die Landvermessung für die beiden ersten Kolonien – Hansau und Kepptal – abgeschlossen. Nach Erhalt notwendiger Dokumente über das Eigentumsrecht am Land kehrten die Mennoniten an den Fluss Molotschnaja zurück, wo sich bereits 27 Familien aus Preußen niedergelassen hatten. Diese kamen am 14. Januar 1855 in die Kolonie Priwalnaja (Warenburg). Die beiden weiteren Kolonien – Lipdenau und Fresenheim – wurden von Siedlern zwischen den Jahren 1857–61 aufgesucht. Die Vertreter der Mennonitengemeinschaft der Kolonie Keppental J. Hamm und D. Dück wandten sich am 17. Juni 1861 an die Tutel-Kanzlei Saratow mit der Bitte um Bereitstellung  zusätzlichen Grunds und Bodens, weil 6500 Desjatin Land bereits  komplett vergeben wurden, während es in Preußen noch viele weitere Auswanderungswillige für Russland gab. Vom Ministerium für Staatsvermögen wurde die Bereitstellung von weiteren 10680 Desjatin Land für die Ansiedlung von zusätzlich 160 Familien im Jahr 1862 genehmigt. Anfangs sollten 6 neue Kolonien nördlich der ersten vier bestehenden Kolonien bis  zu den Ländereien der Pokrowskaja Sloboda angelegt werden. Jedoch  war die Führung der Mennoniten wegen zunehmender Probleme bei der Wasserversorgung der Kolonie Fresental (wo das Wasser auf den nördlicher liegenden Ländereien immer salziger wurde) gezwungen, das Ministerium um die Einräumung eines günstigeren Grundstücks anzugehen. Nach kurzen Verhandlungen  einigte man sich auf das Land, das östlich der ersten Kolonien entlang der früheren Salzstraße lag. Für die Kolonien Ostenfeld und Medental wurde  Neu- und Brachland und für die Kolonien Hohendorf, Lisanderge, Orlow und Walujewka die bereits in Bearbeitung befindlichen Ländereien zur Verfügung gestellt.

Auf Verfügung des Ministeriums für Staatsvermögen wurden die Pachtverträge aus dem Jahr 1862 mit den früheren Pächtern gekündigt und die Ländereien Mennonitengemeinschaften in die Kompetenz der Tutel-Kanzlei Saratow übergeben. Die endgültige Besiedlung der 6 genannten Mennonitenkolonien dauerte bis in die 1880er Jahre an. Aus 10 Mennonitenkolonien  entstand die Wolost Malyschewka. Nachdem sich die Mennoniten auf wasserlosem und eigentlich unbrauchbarem Land niederließen, konnte dieses unter Zuhilfenahme spezieller Technologien der Bodenbearbeitung und  durch außergewöhnlichen Fleiß binnen weniger Jahre in eine blühende Oase verwandelt werden. Dabei musste  eine der Kolonien – Hansau – aufgelöst werden.

Ihre Namen erhielten die Mennonitenkolonien des Ujesd Nowouzensk  meistens nach Amtspersonen, die auf bestimmte Weise in die Umsiedlung der Kolonisten nach Russland und die Gründung von Kolonien involviert waren (Hans, Keppen, Freken, Lisander, Osten-Saken, Walujew, Orlow) sowie nach charakteristischen Besonderheiten der Gegend, wo sie sich befanden (Lindenau, Höhendorf).

Den Mennoniten wurde  Grund und Boden auch im Rayon Samara zur Verfügung gestellt. 1858 gründeten die erste 15 Familien die Siedlung Alexandertal (genannt zu Ehren von Alexander II), die zum Zentrum der gleichnamigen Wolost wurde. Binnen eines Jahres wurde die Landverteilung durchgeführt. Zum Jahr 1868 entstanden 9 neue Siedlungen: Neuhoffnung  (1862); Mariental, Grotsfeld, Murawjow (1863); Orlow, Marienau, Lindenau (1866); Liebental (1867) und Schönau (1868). Gegen 1870 wurde die Besiedlung der Kolonien im Wesentlichen abgeschlossen. 1881 lebten in den Mennonitenkolonien von Samara 689 Personen,  1900 waren es 1313 Personen.

Kurz nach Gründung der Wolost Alexandertal in 1864 begannen die Behörden mit der Ansiedlung der Deutschen auf den angrenzenden Ländereien, wo die Wolost Konstantinowka gegründet wurde. Diese zweite Siedlung wurde von Deutschen  des lutherischen und katholischen Glaubens gegründet. Ihre Grundlage bildeten die Weber aus Lodz und verarmte Kolonisten aus Warschau und Krakau. Bis  1871 entstanden 13 Siedlungen: Konstantinow, Peterhof, Bergtal, Kaisersgnade, Hofental, Strassburg, Nikolajew, Romanow, Fürstenstein, Reinsfeld,  Rosental, Rettungstal und Wladimirow. 1882 lebten dort  ca. 3 Tausend Personen, 1900 waren es  3520 Personen.

Die Gleichstellung der Kolonisten im Jahr 1871 mit russischen Bauern und insbesondere die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Russland, der andauernde Mangel an Land sowie die Strapazen einzelner Missernten gaben den Anstoß für den Beginn und das spätere Anwachsen der  Auswanderung  von Deutschen aus dem Wolga-Gebiet in den Westen, in erster Linie in die Länder  Nord- und Südamerikas. Der Höhepunkt der Ausreisestimmung  fiel in die  Jahre  1876–79, 1888–89, 1891, 1898–99, 1904–05, 1912–14. Insgesamt wanderten 1876–1913 ca. 100 Tausend Personen aus.  Bei den Wolga-Deutschen  fand  die Agrarreform von P.A. Stolypin eine breite Resonanz. 1906–14 zogen  Hunderte deutsche Familien aus dem Wolga-Gebiet nach Baschkirien, ins Gouvernement Orenburg, nach Sibirien und  gar nach  Zentralasien.

Laut der Volkszählung von 1897 lebten im Wolga-Gebiet 395,8 Tausend Deutschstämmige. Dabei machten die Bauern und früheren Kolonisten den Großteil der Bevölkerung aus, während sich gegen Anfang des 20. Jh. in nahezu allen mehr oder weniger großen Städten des Wolga-Gebiets auch deutsche Diasporagemeinden bildeten. Die größte von ihnen bestand in Saratow.  Anstelle des Deutschen Vorortes entstand  die Deutsche Straße, die zur Hauptstraße von Saratow wurde. In dieser Straße erhob sich die majestätische Kathedrale St. Klement. Nicht weit von ihr ragte in der Nikolskaja Str. die Spitze der lutherischen Kirche  der Heiligen Maria in den Himmel. In Samara galt  die lutherische Kirche des Heiligen Georg als die Zierde der Stadt. Schon spielten die Deutschen nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Industrie, im Handel sowie im wissenschaftlichen und Kulturleben der Region eine nicht zu übersehende Rolle. Viele von ihnen bekleideten wichtige Staatsposten. So waren K.K. Grot (1853–60) und I.L. Blok (1906) Saratows Gouverneure. Der  Letztgenannte kam infolge eines Terroranschlags ums Leben. 1901–03 war A. Engelhardt Gouverneur von Saratow.  Abgeordnete der Ersten Staatsduma waren die Deutschstämmigen J. Ditz und W. Schelhorn.

Anfang des 20. Jh. engagierten sich  im Wolga-Gebiet die Großunternehmer G.K. Wenke (mechanische Produktion, Samara), A. von Vacano  („Bierkönig des Wolga-Gebiets“, Begründer des heutigen „Zhiguli“-Bieres, Samara), O.K. Könizer (Nudelproduktion, Samara), Familie Bender (Herstellung von Sarepta-Gewebe, Handel, Saratow), O.E. Bering (Gusseisen- und mechanische Produktion, Saratow), Borelli, Reinecke,  Schmidt (Mehlherstellung, Saratow), Glitschi (Senfproduktion, Sarepta) etc.

Das architektonische Bild der Wolga-Städte wurde im wesentlichen durch begabte Architekten und Städtebauer wie J.K. Böhm, A.K. Liverstein, D.A. Werner, Ch. I. Losse, K.L. Müfke, K.W. Tiden, F.I,. Schechtel, I.W. Strom etc. mitgeprägt.  An der Universität Saratow arbeiteten viele namhafte Wissenschaftler, unter ihnen der Mathematiker W.W. Wagner, die Professoren A.W. Worms, P.K, Haller, N.I. Krause, H.K. Meistner etc. In den Wolga-Städten gab es in der damaligen Zeit viele deutsche Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Kunstschaffende.

Der erste Weltkrieg von 1914–18 und die feindliche Politik der Regierung gegenüber Deutschstämmigen in den Westgebieten Russlands führte zu ihrer ausnahmslosen Ausweisung. Sie wurden unter Polizeiaufsicht  in die Binnengouvernements, u.a. ins Wolga-Gebiet geschickt. Im November  1914 kamen in die Gouvernements Samara und Saratow  erste Gruppen der ausgewiesenen Deutschstämmigen, vorwiegend aus den Gouvernements Warschau, Lomzha, Lublin und Plotzk. Diese Umsiedlung  setzte sich bis April 1915 fort. Im Frühjahr 1915 wurden in der Politik der Verteilung der Weichsel-Kolonisten in der gesamten Wolga-Region wesentliche Änderungen unter Berücksichtigung der nationalen Eigenart der Aussiedler vorgenommen. Seit Mai desselben Jahres  begann ihre Aussiedlung aus den Gouvernements Astrachan, Kasan und Simbirsk in die Orte der Kompaktansiedlung von Wolga-Deutschen. Im Oktober kamen ins Gouvernement Saratow ca. 30 Tausend Deportierte, fast die gleiche Zahl traf im Gouvernement Saratow ein. Seit September 1915 kamen ins Wolga-Gebiet Wolhynnien-Deutsche aus dem Ujesd Nowograd-Wolhynnien und Zhitomir. Gegen Mitte 1916  machte ihre Zahl im Gouvernement Saratow 6680 Personen aus. Neben den Wolhynnien-Deutschen trafen im Wolga-Gebiet auch Deutschstämmige aus anderen westlichen Gouvernements Russlands ein.  Die (meistens ungeordnete) Rückkehr der Deportierten in ihre Vorkriegs-Siedlungsorte begann vorwiegend im Sommer 1917  und erreichte ihren Höhepunkt 1918 nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk („Brester Frieden“) mit Deutschland. Zum Juli 1918 verließen fast 50% aller Kolonisten  der westlichen Gouvernements das Wolga-Gebiet.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges mussten die Wolga-Deutschen wie auch alle Deutschstämmigen in  anderen Regionen Russlands eine deutschenfeindliche Kampagne durchmachen.  Im Wolga-Gebiet wurden deutsche Ortsnamen abgeschafft, deutsche Siedlungen erhielten russische Namen, deutsche öffentliche Organisationen, deutschsprachige Periodika sowie die Konversation in deutscher Sprache in der Öffentlichkeit etc. wurden verboten. Die Wolga-Deutschen wurden zum Militärdienst eingezogen, jedoch in begrenzter Zahl und vorwiegend an die Kaukasusfront geschickt. Und doch war die deutschenfeindliche Kampagne im Wolga-Gebiet im Vergleich zu Petrograd, Moskau, Nischnij Nowgorod und den westlichen Gouvernements Russlands viel milder. So gab es hier beispielsweise keine Pogrome gegen Deutschstämmige. Nichtsdestotrotz wurde den Deutschen durch die nationale Diskriminierung ein beträchtlicher moralischer und materieller Schaden zugefügt. Im Dezember 1915 wurde von der Regierung die Deportation der gesamten deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Wolga-Gebiet nach Sibirien beschlossen und  für Frühjahr 1917 geplant.

Am 6. Februar  1917  wurde vom Kaiser Nikolaj II. die Anwendung auf die Deutschen der Gesetze vom 2. Februar 1917 über die Enteignung des Landes auf die Deutschen
genehmigt. Jedoch wurde die Durchführung der Deportation und  Enteignung durch die Februar-Revolution  von 1917 verhindert. Die Wirkung dieser Gesetzesakte wurde von der Provisorischen Regierung ausgesetzt.

Nach dem Sturz des Zarismus  entstand im Zuge der allseitigen Entwicklung der demokratischen Prozesse in Russland eine autonomistische Bewegung der Wolga-Deutschen. Ihre Befürworter, die sich zur Partei „Wolga-Deutsche“ zusammenschlossen, setzten sich für die Abschaffung diskriminierender Maßnahmen gegen Russlanddeutsche, ihre ungehinderte national-kulturelle Entwicklung (d.h. kulturelle und  nationale Autonomie) sowie die Wiederherstellung der lokalen nationalen   Selbstverwaltung in Form der 1871 abgeschafften Kolonistenkreise ein. Als anerkannte Parteiführer galten F. Schmidt, I. Schleining, K. Justus, G. Schelhorn etc. Die deutschen Kolonien wurden von den  in Russland vor sich gehenden politischen Auseinandersetzungen von 1917 wenig betroffen: Es  gelang, dort eine relative Stabilität und den traditionellen Lebenswandel aufrechtzuerhalten. Der fast zeitgleich mit der Partei „Wolga-Deutsche“ gegründete  Bund  deutscher Sozialisten an der Wolga, der die Grundsätze des Klassenkampfes vertrat, hatte nahezu keinen erwähnenswerten Einfluss auf die soziale und politische Situation  in den Kolonien an der Wolga.

Die ersten Dokumente der neuen bolschewistischen Macht in Russland, insbesondere die „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“,  beeindruckten die deutschstämmige Bevölkerung und  in erster Linie die deutschen Intellektuellen und riefen bestimmte Erwartungen hervor. Gerade dadurch ist der Beschluss des Wareburger Kongresses vom Februar 1918 zu erklären, nach Moskau eine Delegation zu entsenden, um die Gründung einer national-kulturellen Autonomie im Wolga-Gebiet zu erwirken. Die lokalen Bolschewiki aus dem Bund deutscher Sozialisten an der Wolga, die den Ideen der „Weltrevolution“ und der „allgemeinen Völkerbrüderlichkeit“ nahe standen,  waren nach einigem Zögern  gezwungen, die Idee der Schaffung dieser Autonomie zu unterstützen, um bei „sozialistischen Umgestaltungen“ nicht beiseitegeschoben zu werden.  Der Bund deutscher Sozialisten an der Wolga erhielt die Macht in den Kolonien direkt aus der Hand der bolschewistischen Führung des Landes.  Es wurde ein Kommissariat für deutsche Angelegenheiten im Wolga-Gebiet gebildet, dem neben den aus Moskau entsandten Erich Reuter und K. Petin auch die führenden Funktionäre der deutschen Sozialisten wie G. Klinger, A. Emich, A. Moor angehörten. Wie auch  in vielen anderen Wolost und Ujesd der Region wurde auch in den deutschen Kolonien mit der Durchsetzung der bolschewistischen Ideologie und Behauptung der Sowjetmacht mittels administrativer Maßnahmen begonnen.

Anfangs bestand eine Vision über die national-territoriale Autonomie der Deutschen im Wolga-Gebiet in Form einer „Föderation des Mittleren Wolga-Gebiets“. Die Autonomie wurde nur auf der Ebene nationaler Ujesd vorgesehen. Zwischen den deutschen Ujesd  sollten die Beziehungen einer Föderation bestehen, während die Autonomie nicht über diesen Rahmen  hinaus gehen sollte, denn die Ujesd selbst lagen in administrativer Zuständigkeit der Gouvernements, zu denen sie gehörten. So lautete eigentlich der Beschluss, der  vom Ersten Kongress der deutschen Kolonien des Wolga-Gebiets vom 30. Juni-1. Juli 1918 in Saratow gefasst wurde. Jedoch  waren Moskau und das Kommissariat für deutsche Angelegenheiten aus Furcht vor möglichen Demarchen Deutschlands, das auf die Bolschewisierung und Sowjetisierung der deutschen Kolonien an der Wolga äußerst sensibel reagierte, und angesichts der eigenmächtigen Handlungen lokaler Behörden gegenüber den Kolonisten gezwungen,  die Gründung eines autonomen Gebiets der Wolga-Deutschen zu beschließen, die der Staatsmacht der RSFSR direkt unterstellt war.

Der Erlass über die Gründung des Gebiets wurde vom Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der RSFSR W.I. Lenin am 19. Oktober 1918 unterzeichnet. Das Gebiet umfasste nur die von Deutschen besiedelten Territorien und hatte eine „zersplitterte“ Form.

Seit Beginn des Bürgerkrieges und der Politik des Kriegskommunismus mussten die Deutschen die äußerst schwere Last der Politik der bolschewistischen Zentrale im Nahrungsmittelbereich ertragen, die im ununterbrochenen Herausschlagen aus deutschen Siedlungen von  Getreide, Fleisch und sonstigen Lebensmitteln aus den deutschen Siedlungen bestand. Die Abgabepflicht bezüglich der Nahrungsmittel wie auch die gesamte Politik  des Kriegskommunismus wurden in der deutschen Autonomie noch schonungsloser als in anderen Gouvernements durchgeführt und durch himmelschreienden Machtmissbrauch, Massenrepressalien und Verarmung der Bevölkerung begleitet. Wie auch überall in  getreideproduzierenden Regionen des Landes verursachte diese Politik im Wesentlichen nicht nur die Hungersnot der Sowjetischen Sozialistischen Republik der Wolga-Deutschen. Diese wurde 1941 nach dem Ausbruch des Großen Vaterländischen Krieges aufgelöst und es wurde eine Deportation der deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Wolga-Gebiet durchgeführt.

Die Besiedlung der von Wolga-Deutschen verlassenen Gebiete zog sich  über mehrere Jahre in die Länge. Generell konnte in diesen Ortschaften bis heute die damalige Bevölkerungsdichte der Vorkriegszeit nicht mehr erreicht werden. Mehr als 100 deutsche Siedlungsorte, insbesondere diejenigen, die  in der Steppe weit von der Eisenbahn und den Wolga-Ufern entfernt  waren, blieben unbesiedelt und verfielen.

Die Rückkehr  der ersten deutschen Familien ins Wolga-Gebiet setzte seit 1956 sofort nach der Aufhebung des Regimes der Sonderansiedlungen ein. Sie erfolgte halblegal, denn es bestand das offizielle Verbot ihrer Rückkehr. Meistens wurde den Deutschen die Anmeldung am früheren Wohnort verweigert. Jedoch wagten manche  Leiter von Kolchosen und Staatsgütern sowie Rayonsfunktionäre, die frei von ideologischen Vorurteilen waren,  dieses Verbot in Ermangelung von Arbeitskräften zu umgehen. Unter Umgehung der Vorschriften meldeten sie die  Deutschen an und behielten sie in ihren Wirtschaftsgütern. Die breiteste Anwendung fand diese Praxis im Gebiet Stalingrad (später Wolgograd). In den 1960er und 1970er Jahren, insbesondere 1972, als das Verbot der Rückkehr der Deutschen in ihre früheren Wohnorte offiziell aufgehoben wurde,  stieg die Zahl der zurückkehrenden Familien beträchtlich an. Laut den Angaben der unionsweiten Volkszählung von 1989 lebten im Raum des Gebiets Saratow 17 Tausend, im Gebiet Wolgograd 26 Tausend und im Gebiet Kujbyschew 0,7 Tausend Deutschstämmige.

Einen echten Höhepunkt  der  Umsiedlung von Deutschen  ins Wolga-Gebiet wurde  um die Wende der 1980er und 1990er Jahre im Zusammenhang mit der Hoffnung auf die  Wiederherstellung der deutschen Autonomie an der Wolga verzeichnet. Der Misserfolg dieser Idee bedeutete für die Deutschen eine große Enttäuschung, was viele von ihnen zur Auswanderung nach Deutschland bewog. Zurzeit geht die Zahl der deutschstämmigen Bevölkerung im Wolga-Gebiet, in erster Linie wegen der Auswanderung nach Deutschland, recht schnell zurück. Im Gegenzug erfolgt die Übersiedlung dorthin durch Deutschstämmigen aus Kasachstan und Zentralasien. Ebenso schnell schreitet auch die Assimilation der Deutschen, insbesondere bei der jungen Generation, voran.

Zurzeit besteht im Wolga-Gebiet auf der Ebene der Gebiets und Rayons ein System von national-kulturellen Autonomien unter der Leitung eines Koordinierungsrates mit Sitz in Saratow. Gleichzeitig existieren weitere Organisationen wie die Landesgemeinschaft der Wolga-Deutschen, die deutsche Gebietsvereinigung „Heimat“ von Saratow, Gebietszentren der deutschen Kultur, Deutsch-Russische Häuser etc. Es werden deutsche Zeitungen herausgegeben, es gibt wiederhergestellte lutherische und  katholische Gemeinden.

 

Quellen: