ROWNOJE (Seelmann, Kreuznach)
ROWNOJE (Seelmann, Kreuznach)
Gebiet Samara
Geschichte der Siedlung
Bis 1917 Gouvernement Samara, Bezirk Nowousensk, Kolonistenkreis Tarlyk; Amtsbezirk Rownoje; in sowjetischer Zeit ASSR der Wolgadeutschen, Kanton Seelmann (Rownoje).
Katholisches und lutherisches Dorf, gegründet 1767 (offizielles Gründungsdatum - 15. Juli 1767). Nach 1917 städtische Siedlung, 1925 erneut Dorf, später Arbeitersiedlung. Auf dem linken Ufer der Wolga 102 km südlich von Saratow gelegen. Der Name „Seelmann“ geht auf den Familiennamen des ersten Dorfältesten zurück, der Name „Kreuznach“ wurde der Kolonie von dem Anwerber gegeben, war unter den Kolonisten aber nicht gebräuchlich. Der Name „Rownoje“ [von russ.: rownyj - flach, eben] wurde der Kolonie per Erlass vom 26. Februar 1768 gegeben und geht auf die topographischen Gegebenheiten zurück. Die Gründer waren 89 Familien aus Mainz, aus dem Elsass, aus Frankreich, Isenburg und Luxemburg. Werberkolonie von le Roy und Pictet.
1774 wurde die Kolonie im Zuge des Pugatschow-Aufstands geplündert, auch wenn angenommen wird, dass die Plünderer ohne Wissen Pugatschows handelten. In den Jahren 1774–76 wurde Rownoje wie zahlreiche andere auf der Wiesenseite der Wolga gelegene Kolonien immer wieder von Kirgis-Kajsaken, Kara-Kirgisen und Kalmücken angegriffen, die sich als angestammte Herren der Steppe verstanden und das Land nicht den Kolonisten überlassen wollten. Einer der grausamsten Überfälle ereignete sich am 12. November 1775.
Im Zuge der Gründung des Gouvernements Samara wurde im Jahr 1857 der Amtsbezirk Rownoje mit Zentrum in Rownoje eingerichtet.
Katholische Pfarrgemeinden Preuss und Seelmann. In der Kolonie gab es eine (1835 erbaute) katholische und eine lutherische Kirche.
Landfläche: 7.920 Desjatinen (1857; 274 Familien).
Den Angaben der Liste der im Gouvernement Samara gelegenen Ortschaften zufolge gab es 1889 in Seelmann einen Landpolizisten, einen Bezirkspolizeioffizier, sieben Bezirksbeamte, sechs Friedensrichter, zwei Untersuchungsrichter und einen Notar. In der Kolonie lebten Deutsche (Katholiken), Kasachen und Russen. Es gab eine Krankenstation mit zwölf Betten, ein Post- und Telegraphenkontor, eine Semstwo-Station, einen siebentägigen Jahrmarkt (der jeweils am ersten Sonntag im September eröffnet wurde), einen dreitägigen Jahrmarkt (der zwei Wochen vor Pfingsten stattfand), einen freitäglichen Wochenmarkt, eine Brauerei und eine Ziegelei.
1897 wurde das Sägewerk von A. Stoll gegründet.
Der Großteil der Bevölkerung war in der Landwirtschaft (Ackerbau und Viehzucht) tätig, ein kleinerer Teil verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter, arbeitete in privaten Mühlen, in mechanischen Werkstätten und in den Sommermonaten als Verlader an den Anlegestellen.
Seelmann war ein wichtiger Umschlagplatz für Holz und Getreide. Am Wolgaufer gab es drei auf dem Gebiet des Dorfes gelegene Schiffsanleger (jede Schifffahrtsgesellschaft hatte eine eigene Anlegestelle). Am Flussufer lagen auch die Getreidespeicher – 90 Holzscheunen mit einem Fassungsvermögen von jeweils 100.000-200.000 Pud. Das Getreide wurde ebenso wie Holz und Schnittholz zum Teil über eine Entfernung von bis zu 100-150 km aus entlegenen Steppendörfern des Sawolschje-Gebiets angeliefert. Das Getreide wurde von privaten Händlern aufgekauft und über die Wolga nach Samara, Nischni Nowgorod und in andere russische Städte verschifft.
Im Dorf gab es drei private Mühlen (Besitzer: Kwjatkowskij, Kunz und Brender-Kisner) sowie ein privates Theater mit eigenem Stromgenerator.
Auf dem Gebiet des Dorfes gab es vier Kirchen, eine Mittel- und drei Grundschulen sowie ein Lehrerseminar (1903), an das eine als „Musterschule“ ausgezeichnete Grundschule angeschlossen war, an der die angehenden Lehrer praktische Erfahrungen sammeln konnten. Nach der Revolution wurde auf Grundlage des Seminars eine Pädagogische Fachoberschule eingerichtet, die in den Räumlichkeiten des früheren Hauses des Kaufmanns Woronkow untergebracht war. Nach der Schließung der Fachoberschule im Jahr 1955 wurde das Gebäude der Mittelschule überlassen. Heute ist dort die Rayonsverwaltung untergebracht.
Das Ufergebiet des Dorfes wurde mehrfach von der Wolga weggespült, so dass sich das Dorf mit der Zeit immer weiter in die Steppe (bis zu 1.500 m) verschob. Besonders verheerend war das Hochwasser von 1921.
Im Juli-August 1918 wurden in Seelmann (Rownoje) wie auch in Katharinenstadt (Baronsk) und Balzer (Golyj Karamysch) Bezirkskommissariate gegründet.
Vom 20.–24. Oktober 1918 fand in Seelmann der 2. Sowjetkongress der deutschen Kolonien des Wolgagebiets statt, auf dem die Gründung des Autonomen Gebiets der Wolgadeutschen verkündet und ein Exekutivkomitee des Gebiets der Wolgadeutschen gewählt wurde.
Am 31. Oktober des gleichen Jahres gab das Exekutivkomitee seine erste Beschlussfassung aus, in der es sich zum Nachfolger des Kommissariats für Deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet erklärte und die Aufnahme seiner Tätigkeit verkündete.
Ende Januar-Februar 1921 fielen aus dem Kreis Ust-Medwediza (Gebiet der Donkosaken) kommende antisowjetische aufständische Bauernverbände, die zunächst von Wakulin und nach dessen Tod von M. Pjatakow angeführt wurden, in den südlichen Teil des Bezirks Seelmann ein. Nach der Einnahme Seelmanns am 17. März 1921 richteten die Aufständischen dort ihren Stab ein. Nach anfänglichen Siegen in einer Reihe von Dörfern des Bezirks Seelmann (Caneau, Morgentau, Straßburg u.a.) wurden die Aufständischen am 9. April des gleichen Jahres aus Seelmann und dem linksufrigen Teil des Gebiets der Wolgadeutschen verdrängt.
Im Juni-Juli 1921 initiierten die in Seelmann ansässigen Bauern eine Massenbewegung, die für den Austritt des Bezirks aus der Deutschen Autonomie und dessen Anschluss an den Bezirk Nowousensk eintrat, was durch den Umstand motiviert war, dass die Getreideablieferungsnormen in letzterem deutlich niedriger waren.
1921 wurde die Bevölkerung von der Hungersnot heimgesucht. In diesem Jahr gab es 356 Geburten und 911 Todesfälle. Hilfsleistungen kamen von der „American Relief Administration“ (ARA).
Nach der im Dezember 1923 erfolgten Gründung der ASSR der Wolgadeutschen wurde der Kanton Seelmann zu einem der zwölf Kantone der Republik. Zugleich wurde Rownoje (offiziell) in Seelmann umbenannt.
In sowjetischer Zeit gab es im Dorf einen Genossenschaftsladen, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, drei Grundschulen, eine Lesehütte, ein Volkshaus, eine Bibliothek, einen Klub, einen Dorfsowjet (1926), Schiffsreparaturwerkstätten, ein Elektrizitätswerk, eine Mühle, eine Pädagogische Fachoberschule (gegründet 1927; 1939 gab es 30 Lehrkräfte und 481 Studenten), eine Fachoberschule für Geflügelzucht, ein Krankenhaus, einen Park, ein Sommertheater und eine Maschinen-Traktoren-Station.
Im Zuge der 1929 einsetzenden Kollektivierung wurden auf dem Gebiet des Dorfes zwei Kolchosen gegründet („Kolchose des 17. Parteitags“ und „Spartak“), die 1937 eine hohe Getreideernte einfahren konnten und mit der Teilnahme an der All-Unions-Landwirtschaftsausstellung belohnt wurden.
Im Januar 1931 verkündete das Plenum des Gebietsparteikomitees der WKP(b) der ASSR der Wolgadeutschen den Abschluss der Kollektivierung in den meisten Regionen, zu denen auch der Kanton Seelmann gehörte.
In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurden zahlreiche Bewohner Seelmanns repressiert. So war unter den in den Jahren 1936/37 wegen konterrevolutionärer Tätigkeit verhafteten früheren Funktionären z.B. Karl Jakowlewitsch Lebsak, Mitglied der WKP(b) und Bevollmächtigter des Komitees für Lebensmittelbeschaffung, der zum „Trotzkisten“ erklärt wurde.
Geburtsort der katholischen Pastoren A. Zimmermann (1879–1959) und A. Schönberg (1885–1937) sowie der Dichter W. Weber (geb. 1916) und W. Gerdt (1917–1997). Zudem lebten der Künstler Jakow Jakowlewitsch Weber (1870–1958) und der Sprachwissenschaftler und Linguist Andrej Petrowitsch Dulson (1900–1973) einige Zeit in Rownoje.
Am 3. September 1941 begann die Deportierung der deutschen Bevölkerung in die östlichen Landesteile, in deren Folge die in Seelmann ansässige Bevölkerung in die Regionen Krasnojarsk und Altaj sowie in die Gebiete Omsk, Nowosibirsk, Kustanaj, Pawlodar, Akmola und Nord-Kasachstan kam.
Im September 1941 wurde in Seelmann die 2. Bewegliche Luftlandebrigade (der etwa 6.500 Freiwillige aus allen Landesteilen angehörten) aufgestellt, deren Stab und Ausbildungsklassen im Gebäude der Pädagogischen Fachoberschule untergebracht waren. Später befand sich in diesem Gebäude das Evakuierungshospital Nr. 4805. 1942 wurde Seelmann erneut in Rownoje umbenannt.
Infolge des Вaus der Wolgograder Talsperre (1958–61) wurde ein Teil der Ortschaft geflutet.
2008 wurde in Rownoje ein Gedenkstein aufgestellt, auf dem die Gründungsdaten des Dorfes verewigt sind und an Gründung der Ortschaft durch Kolonisten erinnert wird. Seit 2011 steht dieser Gedenkstein neben dem Rownojer Museum.
Heute ist die Arbeitersiedlung Rownoje (dieser Status wurde Rownoje 1972 verliehen) Verwaltungszentrum der Landgemeinde Rownoje des Rayons Rownoje, zu der die Dörfer Alexandrowka (68 Einwohner), Beregowoje (166 Einwohner), Nowo-Priwolnoje (296 Einwohner), die Siedlung Limannyj (371 Einwohner) sowie die Arbeitersiedlung Rownoje (4.483 Einwohner) gehören.
Entwicklung der Einwohnerzahlen: 257 (1767), 229 (1769), 280 (1773), 208 (1788), 310 (1798), 540 (1816), 1.018 (1834), 1.650 (1850), 2.080 (1859), 4.945 (1889), 6.816/ davon 5.014 Deutsche (1897), 6.930 (1905), 7.508 (1910), 8.378 (1920), 6.106/ davon 5.344 Deutsche (1923), 6.218/ davon 5.500 Deutsche (1926), 7.363 (1939).
Rownoje war das Verwaltungszentrum des 1922 gegründeten Kantons Rownoje (ab 1927 Seelmann) des Autonomen Gebiets bzw. der ASSR der Wolgadeutschen, dessen Gebiet sich am linken Ufer der Wolga bis an die Südgrenze von Pokrowsk erstreckte. 1926 gehörten die folgenden Dorfsowjets bzw. Dörfer zum Kanton: Brunnental (Brunnental, Gehöft Lebsak) Warenburg (Alt-Warenburg, Gehöft Warenburg), Hölzel, Seelmann (Otruba), Marienberg, Neu-Warenburg, Neu-Kolonija, Preuss (Preuss, Gehöft Grüntal), Streckerau. In den Jahren 1927-35 gehörten zudem die Ortschaften des 1927 aufgelösten und 1935 wiedererrichteten Kantons Wolskoje (Kukkus) zum Kanton Seelmann. Ebenfalls 1927 wurden dem Kanton die zuvor zum Kanton Staraja Poltawka gehörenden Dörfer Wiesenmüller, Gnadentau, Friedenberg und Ebenfeld angeschlossen, 1938 ging das Dorf Gnadentau an den Kanton Staraja Poltawka zurück. 1935 wurde das Dorf Alt-Warenburg an den Kanton Kukkus angeschlossen. Zu unterschiedlichen Zeiten gehörten dem Kanton zudem die deutschen Ortschaften Gehöft Alteck, Gehöft Merkel, Gehöft Müllerdorf, Fleischfabrik Nr. 102, 1. Samenzuchtgenossenschaft, Gehöft Rosental, Gehöft Friedenberg, Gehöft Friedental und Straßenheim an.
Nach Stand zum 1. Januar 1941 hatte der Kanton eine Fläche von 1.700 km² (6% des Territoriums der ASSR der Wolgadeutschen), und 30.500 Einwohner (5% der Bevölkerung der ASSR der Wolgadeutschen), von denen etwas mehr als 25.000 Deutsche waren.
Per Erlass des Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR vom 7. September 1941 wurde das Territorium des Kantons dem Gebiet Saratow angeschlossen. Am 20. Mai 1942 wurde der Kanton Seelmann in Kanton Rownoje umbenannt.
Im Kanton wurden Evakuierte (aus der Ukraine, Weißrussland, Moskau, Leningrad und anderen Landesteilen) angesiedelt, die allerdings nicht dauerhaft blieben. Allein in den ersten 5 ½ Monaten des Jahres 1943 verließen 2.010 Personen den Rayon. Infolgedessen wurde das Ackerland nicht in vollem Umfang genutzt. Die durchschnittliche Ackerfläche auf einen Arbeitsfähigen (31,8 Hektar gegenüber 11,3 Hektar im Jahr 1939) stieg ebenso wie die Belastung pro Arbeitspferd. Von 2.640 Haushalten waren 2.542 zugezogen. Es gab zwölf Kolchosen, die zum Teil vollständig evakuiert worden waren (so lässt z.B. der Name der Kolchose „Tscherwona Niwa“ auf eine ukrainische Herkunft schließen).
Literatur:
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