Orlowo (auch Bezymjannyj Log)

Altai-Region

Geschichte der Siedlung

ORLOWO (auch Bezymjannyj Log), ein Mennonitendorf, entstand  1908  50 km nordöstlich von Slawgorod. Gehörte vor 1917 zum Ujesd Barnaul, Gouvernement Tomsk (Wolost Orlowo, 1910-1924), in der Sowjetzeit – Region Altai, Rayon Znamenka, Deutscher (Oktjabrskij) Rayon, Rayon Chabary.  Ist zurzeit Zentrum des Landrats Orlowo des Deutschen Nationalrayons.

Einwohner: 194 (1911), 286 (1926), 186 (1940), 1590 (1980), 2064 (1989), 1705 (1991), 2616 (1995; 47% deutschstämmig), 1577 (2006).

Wurde von den Mennoniten, Aussiedlern aus dem Schwarzmeergebiet und dem Gebiet Orenburg gegründet. 1908 wurde ein staatseigener Wasserbrunnen  gebaut. Das Dorf gehört zur Gemeinde Orlowo-Schönsee.

Am 1. Januar 1910 wurde die Wolost Orlowo gebildet, die 21 Siedlungsorte der Wolost .Topolinskoje und 5 Siedlungsorte der Wolost Andrejewskaja vereinigte. Die Gründung einer Mennoniten-Wolost  wurde von der lokalen Gemeinschaft  von Orlowo initiiert.  Zum August 1910 wurde ein Gebäude der Wolost-Verwaltung fertiggestellt. Zum Wolost-Vorsteher wurde Jakow Abramowitsch Reimer (gest. 1917) gewählt. Zu den Leistungen Reimers gehört die Bildung eines Waldtrupps (-kaserne) am See Issyk-Kul, wo die Mennoniten einen alternativen Militärdienst ableisteten.

Am 29. August 1910 wurde Orlowo vom Ministerpräsidenten P.A. Stolypin und dem Landwirtschaftsminister A.W. Kriwoschein besucht. Ein Obelisk zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde 1912 am nordöstlichen Dorfrand aufgestellt. Dabei geht es um  ein Denkmal aus Granit, gekrönt mit einem vergoldeten Doppeladler, umgeben mit gusseisernem Gitter. Der Schriftzug an der Sockel lautet: „1910, 29. August. In Erinnerung für Herrn Vorsitzenden des Ministerrates P.A. Stolypin und Chefverwalter von Bodenbestellung und Ackerbau A.W. Kriwoschein an den Besuch in der Wolost Orlowo. An dieser Stelle wurden die ehrenwerten Gäste vom Wolost-Vorsteher J. A. Reimer und von  Tausenden Siedlern mit Brot und Salz begrüßt“.  1918 zerstört.

Im Dorf wurden für Staatsmittel ein Krankenhaus und ein  Postamt (1911) gebaut, es arbeiteten die Verkaufsläden von I. Abrams (1910), F. Dick (1911), eine Kreditgenossenschaft (1912), es wurde ein Blasorchester gebildet, es arbeitete eine Schule. Der Schulrat der Wolost Orlowo wurde vom Prediger Pjotr Jakowlewitsch Wiebe aus Orlowo  geleitet.

In der 1. Hälfte der 1920er Jahre entstand eine Samen- und Rasseviehzuchtgenossenschaft, es arbeitete eine Ziegelei. Im Dorf wurde eine Alphabetisierungsstelle eröffnet, arbeitete eine Grundschule, eine Schule für Bauernjugend.  1924 machte das  Anteilland  1600 Desjatin aus.

 Die Mennonitengemeinde zählte 296 Personen (1924). Im April  1923 г wurde in Orlowo unter der Schirmherrschaft der Amerikanischen Mennonitenhilfe ein Hilfskomitee für Hungerleidende  gebildet. Am 19. April 1930 wurde eine Gruppe der Bauern des Dorfes Orlowo wegen des Widerstands gegen die Kollektivierung verhaftet: Der Prediger  D.G. Herzen, Ja. P. Isaak und P.P. Janzen wurden zu 5 Jahren Haftstrafe und A.A. Reichert zu administrativer Ausweisung in die  Region Turuchansk verurteilt. 

Im Frühjahr 1931 wurde die Kolchose „Landmann“ (unter Vorsitz von Hessel) organisiert. 1932–1933 gab es Hungersnot in den Dörfern des Deutschen Rayons.  Im März 1934 wurde die Maschinen- und Traktorstation (MTS) Orlowo mit A.A. Knaus an der Spitze organisiert, die  26 Kolchosen bediente (wurde 1958 geschlossen).   1940 machten die Ländereien der Kolchose in Orlowo 1330 ha aus, sie zählte 44  Gehöfte der Kolchosbauern, die Bevölkerungszahl betrug  164 Personen.

1937–1938 wurden 22 Bewohner des Dorfes Orlowo aus politischen Gründen Repressalien ausgesetzt, alle wurden erschossen: G. Breil, I. Warkentin, .G. Wiebe, I. Wiebe,   D. Giebert, A. Hamm, P. Dick, K. Dick, A. Knaus etc. Seit Februar 1938 wurden landesweit deutsche nationale Schulen  abgeschafft und auf russischsprachigen Unterricht umgestellt. Im Herbst 1938 wurde der Deutsche Rayon aufgelöst.

Ende der 1950er Jahre fand eine Vergrößerung der Kolchosen statt, die Leitung der Kolchose „Clara Zetkin“ mit dem Hauptsitz in Orlowo wurde von  Genrich Iwanowitsch Becker übernommen. Im Sommer 1964 entstand aus der Vereinigung  der beiden Kolchosen – „Lenin“ und „Clara Zetkin“ - die neue Kolchose „Lenin“ (Vorsitzender: E. Root). Im Herbst 1957  wurde in der Schule von Orlowo der Unterricht von Deutsch als Muttersprache wiederaufgenommen. 1966 wurde für die Mittelschule ein neues Gebäude errichtet.  1981 erhielt auch das Krankenhaus ein neues zweistöckiges Gebäude.

Zurzeit hat das Dorf 6 Straßen: Gagarin-Str.,  Friedensstraße,  Lenin-Str., Schkolnaja, Perwomajskaja, Molodjozhnaja, es verfügt über entwickelte Infrastruktur mit  Dorfverwaltung, Verwaltung der Kolchose, Fa. „Fischer“, allgemeinbildender Schule, Krankenhaus, Feierabendheim,  Kulturhaus, Dorfbibliothek, Zentrum der deutschen Kultur, Kindergarten „Märchen“, Postamt, einer Zweigstelle der Sparbank (Sberbank), über 10 Verkaufsläden, Kantine, 2 Cafes. Das Dorf liegt an einer  Autostraße mit starkem Verkehr zwischen Slawgorod und Dorf Chabary, es gibt 2 Tankstellen  mit  Gas und Benzintreibstoff.

Infolge der Auswanderung blieben im Dorf Anfang der  1990er Jahre ca. 10% der Stammbevölkerung zurück. Sie wurden von den aus Kasachstan und Zentralasien eintreffenden Siedlern abgelöst.

Am  12. Juli 2008  wurde anlässlich des 100. Jubiläums des Dorfes  ein Denkmal für den Schutzengel des Dorfes eingeweiht. Die Idee stammte  vom Chefarzt  des Rayons-Krankenhauses Rubzowo, einem Nachkommen der hiesigen Dorfbewohner. Es gibt eine Gedenkstätte, die den in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gefallenen Bewohnern des Dorfes gewidmet ist.

 

Quellen:

1) Немцы Алтая (справ.-библиограф. сб.) / Под общ. ред. В.И. Матиса. – Барнаул, 2008. – С. 309.

2) Немцы России: населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь / Сост. В.Ф. Дизендорф. – М.: ЭРН, 2006 [с доп. 2009 г.] // http://www.wolgadeutsche.net/diesendorf/Ortslexikon.php

3) Шеленберг И. История села Орлово. – М., 1996. – 144 с.

4) Этноконфессия в советском государстве. Меннониты Сибири в 1920–1930-е годы: эмиграция и репрессии. Документы и материалы / Сост., науч. ред. А.И. Савин. – Новосибирск, 2009.

5) http://www.altlib.ru/185