Slawgorod

Altai-Region

Geschichte der Siedlung

SLAWGOROD, Stadt in der Region Altai, kompakter Siedlungsort der Russlanddeutschen.  Gegründet 1910, erhielt 1914 das  Stadtrecht. Zentrum des Ujesd Slawgorod (1917–1925), Kreiszentrum (1925–1930), Zentrum eines Rayons (seit 1945). Der Name der Stadt ist mit der Siedlungspolitik Anfang des 20. Jh. und der Inspektionsreise des Ministerpräsidenten P.A. Stopylin auf der Transsibirischen Eisenbahn verbunden.  Beim Besuch in der Großsiedlung am See Sikatschi sagte er „Hier wird es eine ruhmreiche Stadt geben!“ Stolypin gilt als Begründer der Stadt. Die Stadt liegt in der Mitte der Kulunda-Steppe, 394 km von Barnaul entfernt.

Einwohner: 15 900 (1931), 38 413 (1959), 32 135 (1979), 31 707 (2013), 31 006 (2014). Geburtsort des sowjetischen Fußballspielers Wladimir Alexandrowitsch Fink (1958–2005). Ehrenbürger der Stadt sind: Verdienter Bauarbeiter der RSFSR Franz Nikolajewitsch Boldt (seit 2002), Veteran des Werkes für Schmiedepressen „8 Jahre  Oktoberrevolution“ Alexander Wladimirowitsch Wiebe (seit 2003), Chirurgin Elena Abramowna Guhl (1900), Karasan, Krim – 1993; Ehrenbürger seit  1976).

Vor der Revolution hatte die Stadt 9 Straßen. Für die Mittel des Kaufmanns Winokurow wurden die ersten Backsteingebäude, ein Handelskontor und  ein Verkaufsladen gebaut. Die Straßen Stolypinskaja und Moskowskaja hatten elektrische Beleuchtung. Vom Stadtbewohner J.A. Unger wurde für die Mittel der Gesellschaft für städtische Gestaltung ein Kraftwerk ausgerüstet. In der Stadt arbeiteten Post- und  Fernmeldeamt,  ärztliche Station, Ambulanz, Sanitär- und Veterinärstation, 4-Klassen-Schule, Kredit- und Spargenossenschaft, Lichtspielhaus.

Die Deutschen waren in Slawgorod durch verschiedene Konfessionen vertreten. Es  funktionierte eine katholische Kirche. Die Lutheraner der Stadt gehörten zur Pfarrei Tomsk-Barnaul. 1916  wurde von dem in Verbannung lebenden  Pastor Jakob Stach im Auftrag  des Moskauer lutherischen Kirchenamts eine eigenständige lutherische Pfarrei  mit dem Sitz in Slawgorod organisiert. Im Februar 1914 wurde in Slawgorod eine Kirchenpfarrei der Mennoniten registriert. Es wurde ein eigenes Bethaus gebaut. Die Mennoniten versuchten, eine eigene Lehranstalt aufzumachen. Am 27. August 1914 erhielt P.P. Tews eine Absage  zu seinem Gesuch über die Eröffnung einer privaten Schule in Slawgorod mit der Begründung, dass  sich die Mennoniten „auch  in regierungseigenen Lehreinrichtungen ausbilden lassen können“.

Am  7. Mai 1917 wurde die erste organisatorische Versammlung der westsibirischen deutschen Kolonisten (1497 Personen) einberufen, die den Grundstein für die Schaffung der deutschen Selbstverwaltung in Westsibirien legte. An der Versammlung nahmen auch die Vertreter der lokalen Organisationen des Koalitionskomitees, des Sowjets der Arbeiterdeputierten, des Militär-Industrie-Ausschusses und der Gewerkschaften teil. Vorsitzender der Versammlung war  Pjotr Jakowlewitsch Wiebe, sein Stellvertreter -  Jakow Genrichowitsch Stach, Protokollführer:  Friedrich Johannowitsch  Kretz, August Jakowlewitsch Frey und David Bernhardowitsch Garder. Von J.G. Stach wurde ein Referat über die Geschichte der deutschen Kolonisten in Russland gehalten. In der Resolution der Versammlung ging es um die Bildung einer exterritorialen Autonomie, d.h. Selbstverwaltung,   oder „persönlich-kulturellen Autonomie“. Von der Versammlung wurde  ein Sprecherausschuss für die Lösung der Organisationsfragen gewählt. Dazu gehörten je 3 Kolonisten verschiedener Konfessionen: F.K. Bolz, F.I. Kretz, G.G. Funk, A.J. Frey, I.G. Renner, I.A. Probst, G.G. Wins, A.K. Friesen, P.A. Friesen.

Am 1. Juni 1917 fand in Slawgorod eine weitere Versammlung der deutschstämmigen russischen Staatsbürger statt, die aus verschiedenen Teilen Westsibiriens ankamen. Auf Anregung  des der Versammlung beiwohnenden Vorsitzenden des Rates der Moskauer mennonitischen Lazarettgehilfen F. Frese  wurde beschlossen, einen Ausschuss  aller russlanddeutschen Bürger Westsibiriens  ohne konfessionellen Unterschied zu gründen, und die Satzung  dieses Ausschusses bestätigt.  Zu seinen Aufgaben gehörte die Kontrolle über ländliche, Wolost- und sonstige Komitees  und die Regelung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Zum  Ausschuss wurden  15 Personen für 6 Monate gewählt. Dabei gab es 3 Kommissionen: für Nahrung, für Rechtswesen,  für Kultur und Aufklärung. So wurde vom Ausschuss  z.B. eine Vorlage über die Eröffnung in Slawgorod  einer  4-Klassen-Hochgrundschule mit dreijährigem pädagogischem Lehrgang für die Ausbildung der Lehrer für deutsche Grundschulen sowie der Prediger und Küster erarbeitet.

Im September 1918 wurde Slawgorod zum Zentrum des Aufstandes von Tschornyj Dol (Slawgorod) gegen die Armee von  Koltschak,  der über 60 Dörfer erfasste. Die Sowjetmacht wurde am 18. November 1919 behauptet.

 In der ersten Hälfte der 1920er Jahre ging im Ujesd (Kreis) Slawgorod der sowjetische Aufbau  vor sich, es fanden die Wahlen in die Wolost- und Dorfräte statt.  Im Oktober 1925 arbeiteten im Kreis 25 deutsche Landräte. 1925 nahm die deutsche Fraktion des Ujesd-Parteikomitees  (geleitet von E. Zerer) ihre Arbeit bei der Organisation eines Deutschen Rayons im Altai auf.  Am 4. Juli 1927 wurde vom Allrussischen Exekutivkomitee die Gründung des Deutschen (Oktjabrskij) Rayons auf der Basis von 57 deutschen Siedlungsorten der Rayons Znamenka, Oktjabrskij und Nowo-Alexejewskij beschlossen.  1924 arbeitete in Slawgorod eine deutsche Komsomolzelle und es gab 66 Jungpioniere (vorwiegend Zöglinge des deutschen Kinderheims, das 1925  nach Halbstadt verlegt wurde, um die Beeinflussung der Kinder durch die Mennoniten zu verhindern).

Anfang 1924 wurden die Abteilungen Omsk und Slawgorod der Allrussischen mennonitischen Agrargesellschaft  geschaffen.  In die Arbeit der Abteilung wurden die Mennonitenkolonien des Altai einbezogen. Anfang 1926 gehörten dazu bereits 23 Genossenschaften für Samen- und Rasseviehzucht, 2 landwirtschaftliche Genossenschaften und  5 genossenschaftliche Betriebe. Sie vereinigten 14780 Personen, die 70% der mennonitischen Bevölkerung des Altai ausmachten. Die Allrussische mennonitische Agrargesellschaft trug zum Wirtschaftswachstum der Kolonien, Entwicklung des Genossenschaftswesens bei. 1928 wurde die Tätigkeit der Gesellschaft verboten.

1927 wurden im Kreis Slawgorod 4 größere konfessionelle Gemeinden angemeldet, deren  Mitglieder meistens  deutsche Kolonisten waren. In Slawgorod funktionierten ein Kreisrat evangelischer Christen (17 Mitglieder), der 70 Siedlungsstätten umfasste, welche von 5 Predigern im Verkündigungsdienst betreut wurden; ein evangelisch-lutherischer Diözesanrat (5 Mitglieder), dessen 8 Siedlungsstätten von einem Pastor betreut wurden; eine mennonitische Brüdergemeinde Kulunda (19 Ratsmtglieder) mit Sitz im Dorf Grischkowka. Die Mennonitengemeinde umfasste 12 Siedlungsstätten, die von 13 Predigern betreut wurden. Die römisch-katholische Gesellschaft von Slawgorod (mit 5 Ratsmitgliedern) umfasste 16 Siedlungen und zählte 4361 Kirchgänger.

1929–1930 fanden in Slawgorod die Gerichtsverfahren gegen deutschstämmige Teilnehmer der Emigrantenbewegung, Bewohner  deutscher Kolonien im Altai, gegen die Mitglieder der Mennonitengemeinde von Slawgorod statt. Die Repressalien gegen die Bauern verstärkten sich  nach dem Halbstädter Aufstand  vom 2. Juli 1930, der gegen die Kollektivierung gerichtet war. Eines der letzten Gerichtsverfahren war  gegen den ehemaligen Prediger der Mennonitengemeinde Slawgorods D.J. Penner und seinen Neffen I.I. Dick gerichtet.

In den 1920–1930er Jahren setzte sich die industrielle Entwicklung der Stadt fort. Es entstanden Eisenbahnwerkstätten,  eine Eisengießerei, Produktionsstätten für die Verarbeitung der Agrarprodukte und die für die Reparatur des landwirtschaftlichen Inventars. In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges wurden hierher die Produktionsstätten aus Serpuchow und Perekop verlegt. Im September 1941 trafen in Slawgorod 2 Eisenbahnzüge mit deportierten  Deutschen aus dem Wolga-Gebiet ein: Am 18. September  kamen  2498  und am 20.September   2418 Personen an. Sie wurden in den Rayons Slawgorod, Znamenka und Chabary untergebracht.

Nach dem Krieg entstanden die Großbetriebe wie z.B. Werk für Rundfunkausrüstungen, Näh- und  Möbelfabrik, Fleischkombinat, Milchkonservenfabrik,  Bauvereinigung.  In den  1960–1970er Jahren arbeiteten 13 Produktionsstätten.

Mitte der 1960er Jahre, als sich  die Bewegung für die Wiederherstellung der deutschen Autonomie intensivierte, schlugen  die Aktivisten der Region Altai vor,  einen autonomen Rayon oder Kreis auf der Basis mehrerer Rayons im westlichen Teil der Region Altai mit Zentrum in Slawgorod zu gründen.

Am 15. Juni 1957  wurde in Slawgorod die Herausgabe der deutschsprachigen Zeitung „Rote Fahne“ aufgenommen. Organisator und schöpferischer Leiter dieser Maßnahme war Ewald Emiljewitsch Katzenstein (1918–1992). Lange Zeit wirkten in der Zeitung die herausragenden deutschen Dichter Friedrich Bolger, Edmund Günter, Woldemar Spaar, Andreas Kramer, Alexander Beck (1968–1986), Woldemar Gerdt mit. Nachfolgerin dieser Zeitung  wurde die „Zeitung für Dich“. Ihre Chefredakteure waren  Pjotr May (1957–1960), Iwan Schellenberg (1960–1979), Rudolf Edgardt (1975–1992).

Das Heimatmuseum der Stadt Slawgorod ist  eine Filiale des Heimatmuseums der Region Altai. Im Erdgeschoss befindet sich eine Exposition, die der Geschichte der Stadt Slawgorod und der deutschstämmigen Bevölkerung von Altai gewidmet ist. Im Gebäude des Museums arbeitet ein Zentrum der deutschen Kultur.

1997 wurde das Begegnungszentrum „Zusammen“ gebildet. Die Tätigkeit des Zentrums wird von der Stadtadministration und der Stiftung „Altai“ gefördert. Es arbeitet die gesellschaftliche Organisation „Lokale national-kulturelle Autonomie der Russlanddeutschen der Stadt Slawgorod der Region Altai“ (angemeldet  bei der Steuerbehörde am 21. März 2011). In der Stadt wurde aktive Kultur- und Aufklärungsarbeit für Deutschstämmige durchgeführt. Am 31. Mai  2013 fand im Begegnungszentrum Slawgorod die erste persönliche Ausstellung des Fotografen Wladimir Beck „Deutsche des Altai: Gestern und heute“ statt. Am 21.-23. November 2013  fanden in Slawgorod nach fast 30jähriger Unterbrechung die Literaturlesungen „Die Sonne über der Steppe“ statt, gewidmet dem Schaffen von A. Beck. Veranstalter der Lesungen waren die national-kulturelle Autonomie der Deutschen der Stadt Slawgorod und das Begegnungszentrum „Zusammen“.  Am  10.-12.  Januar 2014  wurde der 2. Workshop im Rahmen des Projekts „Schulungsseminare für junge russlanddeutsche Unternehmer“ durchgeführt. Am 17. Mai  2014 fanden in der Stadt die Tage der deutschen Kultur statt. Es werden die den Russlanddeutschen gewidmeten Katharinen-Konferenzen über Geschichte und Heimatkunde durchgeführt.

 

Quellen:

1) История и этнография немцев в Сибири / Сост. и ред. П.П. Вибе. – Омск, 2009.

2) История Славгорода // http://slavgorod.ru/page_19.html

3) Славгород // Википедия https://ru.wikipedia.org/wiki/%D1%EB%E0%E2%E3%EE%F0%EE%E4_(%D0%EE%F1%F1%E8%FF)

4) Славгород. Официальный сайт городской администрации // http://www.slavgorod.ru/old/news/news.php?id=5794

5) Белковец Л.П. Образ сибирского немца-колониста в партийно-советских документах конца 1910–начала 1930-х гг. // http://www.sati.archaeology.nsc.ru/Home/pub/Data/n_e_sib_2/belw.htm

6) Язовская С. Немецкие литераторы Алтайского края на страницах газеты «Фройндшафт» // http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/ru/content/view/2425/1/