Halbstadt (Polgorod, auch Holbstadt, Nekrasowo)

Altai-Region

Geschichte der Siedlung

HALBSTADT (Polgorod,  auch Holbstadt, Nekrasowo), ein Dorf der Mennoniten, gegründet  1908,  30 km nordöstlich Slawgorods. Wurde nach der Molotschansker Kolonie Halbstadt genannt. Gehörte bis 1917 zum Ujesd Barnaul, Gouvernement Tomsk (Wolost Orlowskoje, Chortitza), in der Sowjetzeit zum Bezirk Slawgorod / Deutschen Bezirk (Oktjabrskoje) der Region Altai. Zurzeit ist es das Zentrum des Deutschen Nationalrayons.

Einwohner:  211 (1911), 535 (1926), 1240 (1935), 1650 (1980), 1785 (1989), 1780 (1991), 1920 (1995; 44% deutschstämmig), 1763 (2006), 1756 (2010).

Das Dorf wurde von den Umsiedlern aus dem Schwarzmeergebiet gegründet. Gemeinde der Mennoniten Schumanowka-Klefeld (registriert am 8. Februar 1912). Vor der Revolution  funktionierte im Dorf  eine Dampfmühle. Vor 1915 wurde eine Schule eröffnet, die Anfang 1915 zusammen mit anderen Mennonitenschulen als „amtlich nicht registrierte Schule“ geschlossen wurde.  Ende 1914 wurde die Siedlung auf Beschluss der Behörden in Polgorod umbenannt.

In der ersten Hälfte der 1920er Jahre  entstanden ein Genossenschaftsladen, eine Samen- und Rassenviehzuchtgenossenschaft, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, es wurden eine Alphabetisierungsstelle und eine Dorflesestube eröffnet, funktionierte  eine Grundschule. Seit 1927 hatte das Dorf elektrische Stromversorgung. 1924  zählte  die Gemeinde der Mennoniten 443 Mitglieder, es gab einen Chorzirkel (25 Personen) unter Leitung des Predigers Lewen. 1925 wurde ein Kinderheim  wegen der von den Behörden befürchteten religiösen Beeinflussung der Kinder durch  die Mennoniten aus Halbstadt verlegt.

Am 4. Juli 1927  wurde auf Beschluss des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees  der Bezirk Oktjabrskoje (Deutscher Bezirk) mit dem Zentrum in Halbstadt gegründet, der 57 deutsche Siedlungen vereinigte. Als Protest gegen die Massenkollektivierung  kam es in Halbstadt am 2. Juli 1930 vor dem Hintergrund der Auswanderungsstimmungen zu einem Massenaufstand der Mennoniten.

Im März 1930 entstand eine der ersten Maschinen- und Traktorstationen in Sibirien mit 33 Traktoren. Im Frühjahr  1934 wurde ihr Vorsitzender Borst mit einem Leninorden ausgezeichnet. Am 25.-28. Oktober 1934 verlief in Halbstadt ein Gerichtsverfahren über „konterrevolutionäre Sabotage“ in der Kolchose „Rot Front“. Die Kolchosbauern wurden der Hintertreibung der Getreideablieferung beschuldigt. 9 Personen, einschließlich der Vorsitzende I. Schrepp wurden verurteilt.

 In den Jahren 1930–1938 erschien in Halbstadt die Zeitung „Rote Fahne“. In den 1930er Jahren arbeitete eine Mittelschule (seit 1932), es gab eine Apotheke.

1991 wurde der Deutsche Nationalrayon in den früheren Grenzen wiederhergestellt. Zurzeit funktionieren die Betriebe der Verarbeitungsindustrie, Unternehmen für technische Reparaturen und die im Dienstleistungsbereich. Für  bundesdeutsche Mittel wurde das Fleischverarbeitungskombinat „Brücke“ mit einer Jahresleistung von 50 Tonnen Fleischerzeugnisse aufgebaut. Von den Müllern der GmbH „Brücke“ werden  an die Abnehmer in Altai, Fernost und den Regionen Nordens ca. 40 Tonnen Produkte geliefert. Es gibt ein Bezirks-Kulturhaus, ein Zentrum der deutschen Kultur, allgemeinbildende Oberschule, die als eine der besten in der Region gilt,  eine Musik- und eine  Sportschule,  einen Kindergarten, Bibliotheken, einen Sportkomplex, eine Fachschule (seit 1949), ein Hotel und eine Apotheke. Es funktioniert ein Netzwerk von Läden, ein Supermarkt sowie mehrere Cafes. Im Dezember 1994 wurde ein neues Gebäude der Bezirksadministration, 2007 ein neues Schulgebäude errichtet.

2008  entstand ein siedlungsübergreifendes Museum für Geschichte des Deutschen Nationalrayons. Die Exposition umfasst den Zeitraum von der Übersiedlung der Deutschen nach Russland bis zur Wiederherstellung des Deutschen Rayons im Altai. Die Begründerin des Museums  war Tatjana Nikolajewna Berso. Am  30. Oktober 2008 wurde ein Denkmal für die Opfer politischer Unterdrückung eingeweiht (als Autoren traten die Bewohner des Bezirks, Künstler W. Iwaschtschenko und S. Markin auf). Die Maßnahme wurde von der Stiftung „Altai“ gefördert. Im August 2008 wurde das 100. Jubiläum des   Dorfes begangen. 2010 wurde die orthodoxe Kirche „Dionysius Areopagit“ erbaut.

 

Quellen:

1) Geschichte und Ethnographie der Deutschen in Sibirien / Erstellt unter Redaktion von P.P. Wiebe – Omsk 2009.

2) Die Deutschen des Altai (Nachschlage- und Bibliographie-Sammelwerk) / Unter Gesamtredaktion  von W.I. Matis. – Barnaul, 2008. – S.. 303–304.

3) Deutsche Russlands: Siedlungen und Siedlungsorte: Enzyklopädisches Wörterbuch / Erstellt von W.F. Diesendorf. Moskau, ERD, 2006 [ergänzt in 2009]  // http://www.wolgadeutsche.net/diesendorf/Ortslexikon.php

4) http://www.altlib.ru/185