Kamenski (Grimm, Lesnoi Karamisch)
Kamenski (Grimm, Lesnoi Karamisch)
Wolgagebiet
Geschichte der Siedlung
KAMENSKIJ (Grimm; Lesnoj Karamysch), lutherisches Dorf, gegründet am 1. Juni 1767 (nach anderen Angaben am 10. Mai 1765). Liegt am linken Ufer des Flusses Lesnoj Karamysch, 80 km südwestlich von Saratow. Gehörte bis 1917 zum Kolonistenkreis Sosnowka (seit 187 der Wolost Sosnowka) im Kreis Kamyschin, Gouvernement Saratow, in der Sowjetzeit war es Ujesd Golyj Karamysch (1918–1921); Golyj Karamysch (1927 in Balzer umbenannt), 1935 Kanton Kamenskij (Grimm) der ASSR der WD, heißt heute: Siedlung Kamenskij, Rayon Krasnoarmejsk, Gebiet Saratow.
Einwohner: 687 (1769), 769 (1773), 962 (1788; 162 Familien), 1125 (1798; 167 Familien), 1701 (1816; 209 Familien), 3130 (1834; 331 Familien), 4452 (1850; 350 Familien), 4497 (1857; 360 Familien), 5074 (1859), 5746 (1886), 5389 (1897; 5363 deutschstämmige), 10 374 (1905), 11 859 (1911), 7007 (1920), 5339 (1922), 5645 (1926; 5608 deutschstämmige), 5472 (1931; 5460 deutschstämmige), 5110 (1939). Geburtsort des Partei- und Staatsfunktionärs F.F. Fritzler (1986), des Schriftstellers und Staatsmannes Ja. E. Schmal (1923–2002).
Kronkolonie, wurde von 179 Familien aus Sachsen, Württemberg und Darmstadt gegründet. Unter den ersten Siedlern waren der Handwerker aus Darmstadt Just Erdmann, Handwerker aus Isenburg Johann Batz, Handwerker aus Marburg Johannes Lipp (Linn), die Ackerbauer aus Darmstadt Johann Georg Just und Nikolaus Heimbuch, Ackerbauer aus Friedberg Jakob Kuhn und Peter Kirchner, Schneider aus Württemberg Fhilipp Scherer etc. Aus einer erhaltenen Kopie über den Familienstand des Siedlers Johannes Konrad Leonhard, ausgestellt am 23. Mai 1766, ist ersichtlich, dass diese Familie aus dem Ort Spredling aus Frankfurt am Main stammte. Nach dem Vaterländischen Krieg von 1812 wurde der Kolonie der ehemalige Kriegsgefangene der Napoleon-Armee Gleim zugeordnet, der in Russland bleiben wollte. Genannt nach dem ersten Gemeindevorsteher (Schulzen) Heinrich Friedrich Grimm. Laut Erlass vom 26. Februar 1768 über die Benennung deutscher Kolonien erhielt die Siedlung den offiziellen Namen Lesnoj Karamysch.
Das Dorf gehörte zur lutherisch-reformierten Pfarrei Lesnoj Karamysch (gegründet 1767). Die erste Holzkirche wurde 1810 errichtet, 1848 zu einer Holzkirche für 1250 Personen ausgebaut. Erster Pastor war Christian August Tornow (1767–1780). 1917 hatte die Kirche in ihrem Eigentum ein steinernes Bethaus und einen Glockenturm mit 3 Glocken.
1769 lebten in der Kolonie 177 Familien, davon waren 171 Familien (687 Personen) ackerbaufähig und 6 Familien -unfähig. Die Kolonisten verfügten über folgende Viehbestände: 417 Pferde, 59 Arbeitsochsen, 411 Kühe und Kälber, 240 Schafe, 70 Schweine. Im Sommer 1768 wurden 2584 Quarte und 4 Scheffel Getreide gedroschen (516,9 m3), im Herbst 379 Quart und 3 Scheffel Roggen (75,9 m3) ausgesät. Die Kolonie zählte 104 Wohnhäuser, 16 Scheunen und 16 Pferdeställe.
Am 30. August 1834 wurden in Lesnoj Karamysch und Jekaterinenstadt zentrale Fachschulen für jeweils 25 Schüler eröffnet. Die Aufgabe der neuen Bildungseinrichtungen bestand in der Heranbildung der Lehrer und Dorfschreibkräfte mit Kenntnis der russischen Sprache. Im Juni 1858 wurden die beiden Fachschulen wegen schwacher technischer Basis zu einer einheitlichen Fachschule Jekaterinenstadt zusammengelegt. Die Fachschulbesucher aus Lesnoj Karamysch wurden nach Jekaterinenstadt verlegt. Auf Gesuch eines Kongresses der Bevollmächtigten von Kolonistengemeinschaften des Gebiets Saratow, der 1865 stattfand, wurde am 5. August 1866 ein Hoheitsbeschluss über die Wiederherstellung der Fachschule in Lesnoj Karamysch gefasst. Für ihre Finanzierung wurden die Zinsen auf Siedlerkapital und auf die Sonderreserve der Umsiedler verwendet. Im Herbst 1867 nahm die Fachschule ihren Unterricht auf. Nach der Übergabe aller Kolonistenschulen in die Kompetenz des Ministeriums für Volksbildung wurde am 11. Mai 1882 ein Stellenplan der Fachschule beschlossen, was stabile Staatsfinanzierung bedeutete. Seit 1883 wurden für ihre Finanzierung jährlich 4450 Rubel zur Verfügung gestellt. 1889 wurde die Fachschule auf russischsprachigen Unterricht umgestellt.
1875-1879 begann die Auswanderung nach Amerika, in diesem Zeitraum wanderten bis 6 Familien aus und wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Auswanderung setzte sich 1886 fort, es sind 3 Familien mit Pässen ausgewandert.
Laut Angaben der landständischen (Semstwo-) Bevölkerungszählung von 1886 zählte die Kolonie 620 Haushalte mit 2926 Männern und 2820 Frauen. Insgesamt gab es 5746 deutschstämmige Siedler, dies waren Lutheraner, Baptisten und Separatisten. Darüber hinaus gab es 343 dauernd abwesende Familien und 10 Familien (55 Personen) der Fremdbevölkerung. Als schreib- und lesekundig galten 1658 Männer und 1598 Frauen. Es gab insgesamt 581 Wohnhäuser, davon 348 Stein- und 233 Holzhäuser; 191 Häuser hatten Dächer aus Brettern, 389 Strohdächer und 1 Haus hatte ein Erdschüttdach. Die Gesamtfläche von Anteilland der Gemeinde umfasste 18 431,5 Desjatin, davon waren 16 353,5 Desjatin ackerbaufähig (einschl. 12 351 Desjatin Ackerland) und 2078 Desjatin unlandiges Land. Die Kolonie verfügte über 2 Getreidelager, beide aus Holz mit Dächern jeweils aus Holz und Metall. Bei der Aussaat war der russische Sommerweizen vorherrschend, die Aussaatfläche von Roggen machte ein Drittel der Weizenaussaatfläche aus, noch weniger als der Roggen wurden Hafer und Gerste angebaut; den Anbau von Hirse, Erbsen, Leinen, Sonnenblumen und Leindotter gab es nur in begrenzten Mengen. Das Agrarinventar der Siedler bestand aus 397 Pflügen, 80 Harfen, 3 Dreschern, es gab 1922 Arbeits- und Reitpferde, 328 Ochsen, 1551 Kühe und Kälber, 2614 Schafe, 1394 Schweine, 1027 Ziegen.
Die Betätigung außerhalb des Ackerbaus war durch 45 Industrieeinrichtungen vertreten, es gab zwei Lokale und 10 Verkaufsläden. Seit 1819 begann in der Kolonie die Herstellung und Endaufbereitung des Sarepta-Gewebes, die Fertigungserfahrungen wurden aus der Kolonie Sarepta übernommen. Diese Betätigung entfiel vorwiegend auf die Frauen in der Herbst- und Winterzeit, insbesondere galt es für Mädchen von 15-20 Jahren. 1894 waren in die Herstellung des Gewebes bis 600 Personen involviert. Seit 1876 ist die Produktion von Harfen bekannt, die von D. Brunkhardt aufgrund der von Mennoniten übernommenen Erfahrungen aufgebaut wurde. Ferner wurden von den Siedlern Pferdewagen sowie Tabakpfeifen aus Birke und Ahorn gefertigt. Einige Hersteller vermarkteten ihre Erzeugnisse selbst, die meisten Pfeifenhersteller in umliegenden Dörfern jenseits der Wolga im Ujesd Atkarsk und in Kamyschin produzierten jedoch für lokale Ladenbesitzer, die die Ware nach Morschansk, Pensa, Syzran, Orenburg, Samara und Astrachan versandten. Dabei ging es sowohl um einfache Pfeifen wie auch um diejenigen mit Beschlag aus Messing oder polnischem Silber. Es gab bis 19 Arten von Pfeifen, von denen manche eigene Bezeichnungen hatten wie z.B. Schnepper, ungarische Pfeife, Rettinger, kalmykische Pfeife (aus alter Eichenwurzel) Rissing (genannt nach dem ersten Meister), Pamperknippel, Hengel, Stiefelpfeife, Sefzmaul, Schuster. Die Pfeifenrohre wurden nur von zwei Familien gefertigt. 1885 gab es 8 Wassermühlen und ein Buttereiwerk. 1897 wurde von Stecker eine Eisengusswerkstatt eröffnet, 1900 gründete er ein Unternehmen aus 6 Personen, von dem eine Eisengussfabrik für die Herstellung der Metallteile für Harfen aufgebaut wurde. Im Dorf gab es jede Woche samstags einen Markt, am 29 Juni und Ende September waren es großangelegte Handelsmärkte.
1891 zählte das Dorf 587 Gehöfte mit 4198 Männern und 4035 Frauen, es gab eine Holzkirche mit Metalldach und darin eine Pfarrei, Kirchengemeindeschule, sowie eine staatseigene zentrale Fachschule der 3. Stufe mit sechsjähriger Ausbildungszeit. 1886 wurde sie zuerst von 611 Jungen und 596 Mädchen besucht. Im Dorf arbeitete ein Krankenhaus (ärztliche Stelle). Im Sommer 1914 fand im Dorf eine große landwirtschaftliche Ausstellung zur Einführung von Vorwerkswirtschaften und der Herstellung feuerfester Ziegeln statt.
In der Sowjetzeit wurde Grimm zur Zentrale einer Landratsgemeinde (dazu gehörte nur das Dorf Grimm) und seit 1935 zur Zentrale eines Kantons. Der Parteizelle gehörten erste Kommunisten wie Heinrich Fritzler, Jakob Milberg, Jakob Ehrlich, Jakob Baar an. Während der Hungersnot von 1921 wurden 197 Personen geboren, 818 sind gestorben. Nach Angaben von 1926 bestanden im Dorf ein Genossenschaftsladen, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, zwei Grundschulen, ein Klub und eine Lesestube. Die frühere zentrale Fachschule wurde zuerst in eine Schule der 2. Stufe und dann in die Schule mit 7-Klassen-Unterricht umgewandelt, in den 1930er Jahren entstand daraus eine Mittelschule. Beim Kulturhaus arbeiteten verschiedene Zirkel wie Musikzirkel (unter Leitung von Karl Jakowlewitsch Schmidt), Dramazirkel (geleitet von Woldemar Kraus). In den 1930er Jahren entstand einе Fachschule für Gemüse- und Obstanbau. 1932 wurde im Dorf die Maschinen- und Traktorstation (MTS) Grimm organisiert, 1929–1930 die Kolchose „Kollektivist“ gegründet (erster Vorsitzender Friedrich Fritzler). Mitte der 1930er Jahre entstanden im Zuge der Aufteilung von Großwirtschaften die Kolchosen „Stoßbrigadler“«, „Tschapajew“, „Budjonnyj“. 1937 wurde die Eisengussfabrik „Rekord“ in ein Werkzeugmaschinenbauwerk umgewandelt, 1937 wurde eine Fluglinie für Posttransport und Fahrgastbeförderung in die ASSR der Wolga-Deutschen eröffnet, die auch das Dorf Grimm bediente.
Im September 1941 wurde die Bevölkerung der ASSR der WD nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Am 4. April 1942 wurde der Grund und Boden der MTS Grimm in die Kompetenz des Zwangsarbeitslagers Kamenskij übertragen. Im Frühjahr 1942 wurde im Raum des Rayons gem. Verfügung des NKWD Nr. 0108 vom 4. April 1942 laut Verordnung des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 31. März 1942 über die Übergabe an den NKWD von Land und Vermögen der früheren Kolchosen des Rayons Kamenka und der MTS Kamenka und Grimm das Zwangsarbeitslager Kamenskij (Kamenlag, Zwangsarbeitslager Nowokamenskij) gebildet.
Die Verwaltung des Lagers hatte ihren Sitz im Dorf Grimm, während in den Dörfern Husaren, Kamenka, Degott, Bauer, Schuck, Franzosen, Messer, Moor etc. die Lagerstandorte eingerichtet wurden. Die Häftlinge betrieben Agrararbeiten. Zum 1. Januar 1944 sind 477 Zwangsarbeiter gestorben. Kamenlag wurde gem. Verfügung des NKWD vom 1. Juni 1944 geschlossen, die Lagerabteilungen gingen an die Verwaltung für Zwangsarbeitslager und -kolonien der Verwaltung für Gebiet Saratow des Ministeriums des Innern über.
1949 entstand auf den Ländereien der Dörfer Grimm, Neumar, Bauer eine Pferdezuchtfarm, die 1954 vom Staatsgut „Suworowskij“ abgelöst wurde. Als Mitarbeiter des Staatsguts wurden die Umsiedler aus den Gebieten Kursk und Tambow beschäftigt. In den 1960er Jahren arbeiteten in der Siedlung 3 Kindergärten, eine Mittel- und eine Grundschule, ein Gesundheitsstützpunkt mit Geburtshilfestelle. In den 1970er Jahren entstanden ein Bad, eine Bäckerei, 8 Verkaufsläden, ein Kulturhaus, es wurde Asphalt verlegt. Heute zählt die Siedlung Kamenskij 2833 Einwohner (Stand 2014). Es wurden Farmerwirtschaften eingerichtet. Es gibt eine allgemeinbildende Schule. In der Siedlung befindet sich eine Besserungskolonie mit allgemeinem Strafvollzug USch 382/23 (seit 1967), in einem der Gebäude des früheren Zwangsarbeitslagers ist die psychiatrische Klinik Krasnoarmejsk „J.A. Kaljamin“. (Gorkij Str. 19) mit stationärem Bereich für 600 Betten untergebracht.
Es ist noch das Gebäude der zentralen Fachschule erhalten. Vor der hiesigen Schule wurde ein Denkmal für „A.W. Suworow“ aufgestellt.
Quellen:
1) Герман А.А. Немецкая автономия на Волге. 1918–1941 гг. – М., 2007.
2) Князева Е.Е., Соловьева Г.Ф. Лютеранские церкви и приходы России. XVIII–XX вв.: Истор. справочник. Ч. 1. – СПб., 2001.
3) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.
4) Geschichte der Wolgadeutschen // http://wolgadeutsche.ru/list/grimm_kolonie.htm
5) Pleve I. Einwanderung in das Wolgagebiet. 1764–1767. Bd. 2: Kolonien Galka – Kutter. – Göttingen, 2001.
6) «Семейная летопись». Сайт И.В. Козлицкой // http://irina196107.ucoz.com/publ/istorija_grimma/1-1-0-2