Krasnoarmejsk (Balzer, Golyj Karamysch, Panzyr)
Krasnoarmejsk (Balzer, Golyj Karamysch, Panzyr)
Wolgagebiet
Geschichte der Siedlung
KRASNOARMEJSK (Balzer, Golyj Karamysch, Panzyr), lutherisch-reformiertes Dorf (seit 1918 eine Stadt), gegründet am 28. August 1765, liegt am Fluss Golyj Karamysch (rechter Zufluss des Flusses Karamysch) 80 km südwestlich von Saratow. Gehörte vor 1917 zum Kolonistenkreis Sosnowka (seit 1871 Wolost Sosnowka, später Wolost Golyj Karamysch) des Ujesd Kamyschin, Gouvernement Saratow. In der Sowjetzeit war es ein Dorf und Verwaltungszentrum des Rayons Karamysch, Ujesd Golyj Karamysch, der Arbeitskommune (des Gebiets) der Wolga-Deutschen, seit 1922 gehörte es zum Kanton Golyj Karamysch (seit 1927 Balzer) der ASSR der WD. Zurzeit ist es Stadt Krasnoarmejsk, Gebiet Saratow.
Einwohner: 377 (1767), 479 (1773), 682 (1788; 99 Familien), 726 (1798; 101 Familien), 1195 (1816; 145 Familien), 2258 (1834; 239 Familien), 3641 (1850; 263 Familien), 4640 (1859), 5768 (1886), 7266 (1897; 7147 deutschstämmig), 9600 (1905), 11 326 (1911), 10 339 (1920), 9539 (1922), 9725 (1923; 9414 deutschstämmig), 12 244 (1926; 11 556 deutschstämmig), 14 860 (1932), 15 800 (1933; 14 926 deutschstämmig), 15 655 (1935), 15 769 (1939), 24 800 (2002). Geburtsort der lutherischen Pastoren I. Schneider (1845–1915), B.P. Reichert (1908–1938), des sowjetischen Partei- und Staatsfunktionärs A.I. Heckmann (1908–1994), des Musikers E. Fritzler (geb. 1909).
Kronenkolonie. Gegründet von 105 Familien aus Pfalz, Isenburg und Wimpfen. Genannt nach dem ersten Vorsteher Balzer Bartuli. Laut Erlass vom 26. Februar 1768 über Benennung deutscher Siedlungen erhielt sie dem Amtsnamen Golyj Karamysch.
Die Kirchengemeinde gehörte zur Pfarrei Messer. 1856 wurde eine eigenständige Pfarrei Balzer gebildet. Die erste Holzkirche entstand 1777, 1815 wurde eine neue Kirche aus Holz erbaut. 1851 entstand eine Steinkirche für 1350 Plätze, wurde 1888 und 1909 renoviert. Es gab ein Schul- und Bethaus.
1769 lebten in der Kolonie 103 Familien, davon 97 ackerbaufähig und 6 -unfähig. Die Kolonisten besaßen folgende Viehbestände: 275 Pferde, 2 Arbeitsochsen, 205 Kühe und Kälber, 107 Schafe, 17 Schweine. Im Sommer 1768 wurden 1527 Quart und 1 Scheffel Getreide (305,4 m3) gedroschen. Im Herbst 1768 wurden 237 Quart und 4 Scheffel Roggen (47,5 m3) ausgesät. In der Kolonie gab es 74 Wohnhäuser. Das Anteilland der Gemeinde machte 1857 3621 Desjatin aus.
1874–1875 wanderten 49 Personen nach Amerika aus.
1886 gab es 695 anwesende Hauswirte, 167 dauernd abwesende Familien sowie 8 Familien als Fremdbevölkerung. Schreib- und lesekundig waren 1711 Männer und 1673 Frauen. Insgesamt gab es 695 Wohnhäuser, davon 576 aus Stein, 118 aus Holz und 1 aus Lehm; 26 Häuser hatten Metalldächer, 154 waren mit Holz, 513 mit Stroh und 2 mit Erde bedeckt. Es arbeiteten 93 Produktionsstätten, 10 Trinklokale und Gastwirtschaften, 62 Verkaufsläden.
1891 gab es im Dorf 3 gemeinschaftliche Getreidelager. Das Hauptgetreide war Roggen, der eine Hälfte der Anbaufläche einnahm, ferner wurden in der Sommersaat Weizen, Gerste, Hafer und Kartoffeln angebaut. Es funktionierte ein Dreifeldersystem.
Bis 1917 gab es in Balzer 23 Produktionsstätten zur Fertigung des Sarepta-Gewebes und 22 Gerbereien (mehrere Gerbereien waren im Besitz der Familie Schwabauer), ein Buttereiwerk (1850), eine Brauerei (1894), ein Kraftwerk, das Handelshaus „Bender und Söhne“, Herstellung der Pferdefuhrwerke, Produktion von Karden, Harfen; Getreidehandel, eine Kreditgenossenschaft. 1894 waren von insgesamt 9108 Einwohnern der Kolonie ca. 750 Personen in der Weberei des Sarepta-Gewebes beschäftigt. Dienstags fanden im Dorf wöchentliche Märkte auf dem Marktplatz statt, wo Gemeinschaftsläden aufgestellt wurden. .Es wurde verschiedene bäuerliche Ware verkauft, im Sommer und im Winter kamen zum Markt ca. 400 Fuhrwerke. Es bestand eine landständische (Semstwo-) Post- und Reisestation mit 7 Pferden.
Seit 1868 bestand ein Mädchengymnasium, seit 1905 ein Progymnasium, es gab private Schulen (von A.A. Reis, G. Grasmik. F.F. Fritzler), privates Progymnasium von Pastor P. Reichert. 1894 wurde ein landständisches (Semstwo-) Krankenhaus mit einer Ambulanz für 10 Betten eröffnet, es arbeiteten ein Arzt, zwei Feldscher und 1 Hebamme. Es gab eine tierärztliche Station. Auf Gesuch der Siedler Schäfer und Merkel wurde am 1. Oktober ein Post- und Fernmeldeamt eröffnet.
1915 wurde für die Mittel der Bewohner mehrerer deutscher Wolost des Ujesd Kamyschin ein Lazarett für verwundete Soldaten aufgemacht.
In den Jahren des Bürgerkrieges befand sich Balzer im Bereich aktiver Kampfhandlungen. Im November 1918 wurde ein Ujesd-Militärkommissariat eingerichtet, im Mai-September 1919 wurde hier das 2. Freiwillige Infanterieregiment Balzer aufgestellt. Wegen Aufruhr im Regiment wurde es im Dezember 1919 aufgelöst. Im Zuge eines Bauernaufstandes wurde Balzer am 20. März 1921 von den Aufständischen umzingelt, die Ortsbesatzung wehrte sich erfolgreich. Zum 156. April war der gesamte Ujesd Balzer von den Aufständischen geräumt.
Während der Hungersnot von 1921 wurden 426 Personen geboren, 881 sind gestorben. 1933 sind 1596 Personen (13,0% der Bevölkerung) gestorben.
In den 1920er Jahren gehörten die Gewerbeunternehmen Balzers den Genossenschaftsvereinigungen der Republik „Nemsarpinsojuz“ und „Nemkustpromsojuz“ an. Es arbeiteten die Appreturfabrik „Qualität“, Fabrik „Stoßarbeiter“, Nähwerkstatt „Hoffnung“ (1925), Schusterwerkstatt „Pionier“ (1925). 1926 gab es 4 Grundschulen, eine Textilfachschule, Bibliothek, Fabrikschule (seit 1923). 1928 entstand ein Klub der Jungpioniere, es gab eine stationäre Filmvorführanlage und 2 bewegliche Wiedergabeanlagen. Vor dem Krieg funktionierten ein Kulturhaus, ein Lichtspieltheater, eine Bibliothek, ein kolchoseigenes Laientheater, eine Fachschule zur Heranbildung der Feldscher und Hebammen (187 Auszubildende), eine Fabrikschule.
In der Sowjetzeit entstanden und funktionierten die Produktionsbetriebe, nämlich eine Schuhfabrik, die Färbereiwerke (früher von I. Merkel, F. Schwabauer), eine Dampfmühle (früher: der Familie Schlegel), 2 Windmühlen, (früher der Brüder Merkel), 3 Ziegeleien. Auf der Basis einer Werkstatt wurde die mechanische und Gusseisenfabrik „Arbeiter“ gegründet (1884), das Buttereiwerk „Spartakus“ rekonstruiert (gegründet 1914). Es wurden die Webereien „Zukunft“, Fabrik „K. Liebknecht“, (1926; 1200 Beschäftigte), Spinnfabrik „N. Krupskaja“ (1926), Färberei „Lenin“ (1934), Strumpf- und Trikotagefabrik „Clara Zetkin“ (960 Beschäftigte) eröffnet. 1932 wurde die Maschinen- und Traktorstation (MTS) Balzer eingerichtet.
Im September 1941 wurde die deutschstämmige Bevölkerung von Balzer deportiert (94% aller Einwohner).
Heute ist Krasnoarmejsk ein Zentrum der Textilindustrie. Die größten Fabriken sind die Webwarenfabrik „Karl Liebknecht“ und die Näh- und Trikotagefabrik „Clara Zetkin“. Das hier bestehende mechanische und Gießereiwerk produziert Teile für Webmaschinen. Es ist die Nahrungs- und Verarbeitungsindustrie entwickelt.
Quellen:
1) Герман А. Бальцер // Немцы России: Энцикл. Т. 1: А–4. – М., 1999. – С. 103–104.
2) Герман А.А. Немецкая автономия на Волге. 1918–1941 гг. – М., 2007.
3) Князева Е.Е., Соловьева Г.Ф. Лютеранские церкви и приходы России. XVIII–XX вв.: Истор. справ. Ч. 1. – СПб., 2001.
4) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.
5) Лиценбергер О.А. История немецких поселений Поволжья. Часть 1 Лютеране: А–М. – Саратов, 2011.
6) Geschichte der Wolgadeutschen // http://wolgadeutsche.ru/list/balzer.htm
7) География Саратовской области // http://www.regionsaratov.ru/town/pravo/krasnoarmejsk.html#more-78
8) http://krasnoarmeysk.sarmo.ru
9) http://petrovskvesti.ru/novayazhizn/Articles.aspx?articleId=5219
10) http://krasnoarmeysk.sarmo.ru/index.php?option=com_content&view=article&id=137&Itemid=211