Marx (Katharinenstadt, Jekaterinograd, Baronsk, Marxstadt)
Marx (Katharinenstadt, Jekaterinograd, Baronsk, Marxstadt)
Wolgagebiet
Geschichte der Siedlung
MARX (Katharinenstadt, Jekaterinograd, Baronsk, Marxstadt), lutherisch-reformiertes-katholisches Dorf, gegründet am 27. August 1766. Liegt auf dem linken Wolga-Ufer. Gehörte bis 1917 zum Kolonistenkreis (Wolost) Katharinenstadt des Ujesd NIkolajewsk, Gouvernement Samara. 1919–1922 war es Gebietszentrum des Autonomen Gebiets der Wolga-Deutschen, 1922–1941 Zentrum des Kantons Marxstadt der ASSR der WD. 1926 gehörten zum Landrat Marxstadt die Vorwerke Birkenheim, Alte-Brunnen, Neue-Brunnen, Kalmykenberg, Boosens Damm, Neuer-Damm, Dämmchen, Basters, landwirtschaftlicher Zuchtgarten, zwei Obstgärten und eine Waldhütte. Zurzeit: Stadt Marx, Gebiet Saratow (seit 1965 - kreisfreie Stadt).
Einwohner: 606 (1767), 699 (1773), 636 (1788; 141 Familien), 720 (1798; 142 Familien), 1441 (1816; 230 Familien), 2468 (1834; 382 Familien), 2764 (1842), 2911 (1845), 3669 (1850; 491 Familien), 4654 (1859), 6263 (1883), 8720 (1887), 8820 (1889), 9639 (1894), 10 331 (1897; 9393 deutschstämmig: 7686 protestantisch, 1707 katholisch), 11 031 (1899), 12 006/ (1904; 11 530 deutschstämmig), 15 395 (1910; 14 670 deutschstämmig: 11 140 protestantisch, 3530 katholisch), 17 837 (1913), 17 946 (1916), 14 552 (1917), 16 013 (1919), 15 435 (1920), 14 476 (1922), 12 337/ (1923; 11 195 deutschstämmig), 13 250 (1924; 11 750 deutschstämmig), 12 457 (1926; 11260 deutschstämmig), 12 471 (1927), 12 859 (1928), 13 597 (1930), 15 700 (1933; 14 176 deutschstämmig), 15 124 (1935), 16 065 (1939), 617 deutschstämmig (1989; 1,8% der gesamten Einwohnerzahl), 31 535 (2010). Geburtsort der lutherischen Pastoren K.E. Walberg (1825–1888), M.P. Staf (1861–1933), der katholischen Pater F. Dorzweiler (1844–1880), A. Staub (1870–1961), K. Staub (geb. 1872), des Arztes und Schriftstellers K.F.E. Walberg (1847–1920), des Pädagogen und Journalisten A. Emich (1872–1937), des Professors K.I. Staub (geb. 1874), des sowjetischen Partei- und Staatsfunktionärs A.Ja. Gleim (1892–1954), des Literaturschaffenden A. Henning (1892–1974), I,. Schaufler (1909–1935), K. Welz (1911–1991), A. Lier (1919–1991), A. Kramer (1920–2010), des Künstlers und Historikers A.K. Wormsbecher (1914–2007), des Architekten und Malers G.W. Schaufler (geb. 1928).
Werberkolonie des Barons de Beauregard. Gegründet von 83 Familien aus Frankreich, Sachsen und Hessen-Darmstadt. Genannt zu Ehren von Katharina II. Den zweiten Namen (Baronsk) erhielt die Kolonie nach ihrem Gründer Baron de Beauregard. Laut Erlass vom 26. Februar 1768 über Benennung deutscher Kolonien behielt die Kolonie ihren früheren Namen. Am 13. März 1915 erhielt sie den Namen Jekaterinograd. In den Folgejahren wurde der Name wieder geändert: Vom 4. Juni 1919 (auf Beschluss des 4. Kongresses der Räte deutscher Kolonisten des Wolga-Gebietes) bis 1942 hatte die Siedlung den Namen Marxstadt (zu Ehren von Karl Marx), seit dem 19. Mai 1942 hieß sie Marx.
Kirchenpfarreien: Seit 1768 bestanden zwei Kirchengemeinden - lutherische und reformierte, jede mit eigenem Prediger und eigenem Kirchengebäude. 1820 vereinigten sich die beiden Konfessionen und bildeten zwei gemischte Pfarreien Süd- und Nord-Katharinenstadt. Das Gebäude der reformierten Kirche wurde nach der Zusammenlegung verkauft. Die hölzerne Dreifaltigkeitskirche entstand 1807, wurde 1851 in Stein für 1480 Plätze umgebaut und am 20. Mai 1851 geweiht. 1824 wurde eine katholische Kirche errichtet, 1856 das katholische Dekanat Katharinenstadt gegründet. In verschiedenen Zeiträumen dienten hier als Dekane die Pfarrer P. Raimund von Andreschejkowitsch (1856–76); Anton Johann Zerr (1876–1878); Nikolaus Mitzig (1880–1881); Georg Riesling (1882–1904); Filipp Becker (1904–1906); Johann Beilmann III (ca. 1909); Rafael Loran (ca. 1911); Georg Bayer (1911–Ende der 1920er Jahre). Es bestanden Schul- und Bethäuser der Lutheraner und Katholiken, eine orthodoxe Kirche. 1900 funktionierten 4 Friedhöfe: protestantisch, katholisch, orthodox und moslemisch. Die lutherische Kirche wurde 1929, die katholische 1935 geschlossen. Die katholische Pfarrei entstand 1983 wieder, 1989 wurde eine orthodoxe Pfarrei organisiert. 1995 erhielten die Lutheraner ihr Kirchengebäude zurück.
1774–1776 fiel die Kolonie zum Opfer der Raubzüge kirgisischer Nomaden. 1774 erlitt sie starken Schaden wegen der Überfälle von Trupps Pugatschows.
Entwicklung von Landwirtschaft, Industrie und Handel. Die Kolonisten betrieben Ackerbau, Tabakanbau, Mehlproduktion, Seidenherstellung. Ende des 18. Jh. begann die Herstellung des Sarepta-Gewebes (Weberei, 1798). 1859 zählte die Kolonie 427 Gehöfte, es gab 3 Kirchen – lutherisch, katholisch und orthodox, eine Schule, es funktionierte ein Markt, 5 Werke, eine Schiffsanlegestelle. Das Anteilland machte 1857 14 358 Desjatin aus.
1883 bestanden 80 Verkaufsläden, 21 Werke (3 Ziegeleien, 15 Filzproduktionen, 3 Produktionsstätten für Dreschmaschinen). Montags gab es Markt. 1889 wurden die Produktionen wie Seifenfertigung, Brauerei, Töpfereiwerk, Schaffellproduktion, 2 dampfgetriebene Sägemühlen, 15 Wind- und 3 Dampfmühlen ausgewiesen. Vorwiegend wurde Getreide gehandelt und Holz verkauft, das hierher aus dem Wolga-Oberlauf für das Transwolga-Steppengebiet angeschwemmt wurde. Das Getreide wurde in Lastfuhrwerken aus Ujesd Nikolejewsk und Ujesd Nowousensk des Gouvernements Samara und zum Teil aus Ujesd Wolsk, Gouvernement Saratow, angeliefert. Entlang der Schiffsanlegestelle standen in mehreren Reihen die Getreidelager (242) für die Zwischenlagerung von Getreide. Das Getreide war vorwiegend für den Export und für den Versand nach St.-Petersburg bestimmt, ein Teil von Weizen wurde nach Saratow und Nischnij Nowgorod geschickt. 1897 wurden aus dem Binnenhafen Baronsk ca. 2300 Tausend Pud Güter, einschließlich 2265 Tausend Pud Getreide zum Versand gebracht.
1900 funktionierten in der Kolonie 3 Anlegestellen (für Getreide-, Holz sowie eine Dampferanlegestelle), ein mechanisches Werk für die Fertigung von Landmaschinen und -gerätschaften von F.F. Schäfer (gegründet 1880 als Gusseisen- und mechanisches Werk), eine Gießerei, ein Buttereiwerk und eine Gerberei.
Bildungseinrichtungen. Kultur Die erste Schule entstand im Zeitpunkt der Ansiedlung der Kolonisten. 1889 bestanden bereits 2 Kirchen-, eine Privatschule der 1.Stufe, 3 private Grundschulen, eine landständische (Semstwo-) Knabenschule (eröffnet 1879), eine zentrale Schule (seit 1834). Anfang 1910 funktionierten mehr als 10 Bildungseinrichtungen, darunter: ein Mädchengymnasium, ein Knabenprogymnasium (1911), eine zentrale Schule, 4 landständische (Semstwo-) Schulen, eine in der Kompetenz des Bildungsministeriums liegende 2-Klassen-Schule, 3 Kirchen- und Privatschulen. In verschiedener Zeit waren es private Schulen von M. Ulmann, S. Günther, P. Schoberg und K. Neustadt, T. Walberg, K. Sartorius, Seller, W. Seidel, Pastor G. Schomburg, K. Später, K. Pracht, D. Göss, Ja. Stoll, E. Liebich, Wachtel.
Am 30. August 1834 wurden in Lesnoj Karamysch und Katharinenstadt zwei zentrale Fachschulen für jeweils 25 Schüler eröffnet. Ziel der neuen Bildungseinrichtungen bestand in der Heranbildung der Lehrer und Dorfschreibkräfte mit Kenntnis der russischen Sprache. Für die Finanzierung der Fachschule wurde von den Kolonisten eine besondere Vermögensgebühr von 6 ½ Kopeken im Jahr pro jede bei der Bevölkerungsprüfung erfasste Person erhoben. Zum Leiter der Fachschule wurde Pastor Walberg bestellt. Am 27. Juni 1858 wurde das Vorhaben über die Zusammenlegung der beiden Fachschulen zu einer Fachschule in Katharinenstadt allerhöchst genehmigt. Dies musste wegen schwacher technischer Basis der beiden Fachschulen vorgenommen werden. Die Schüler aus Lesnoj Karamysch wurden nach Katharinenstadt verlegt. Am 29. Oktober 1859 wurde vom Minister für Staatsvermögen eine Anweisung über die Führung der zentralen Fachschule Katharinenstadt verabschiedet. 1863 gab es 15 erste Absolventen der zentralen Fachschule, von denen sich jedoch nur 3 als Schulmeister betätigten, die restlichen Absolventen entschieden sich für besser vergütete Stellen der Dorfschreibkräfte in den Kolonien.
Städtebauliche Gestaltung, soziale Infrastruktur. Auf Erlass des Zaren Nikolaj I vom 27. Oktober 1852 wurde ein neuer Plan der Kolonie bestätigt. 1910 gab es 29 Straßen und Gassen mit einer Gesamtlänge von 2,5 Werst, zwei Plätze, einen gemeinschaftlichen Garten, die Beleuchtung erfolgte mit 9 Öllampen, es wurde ein Abwassersystem verlegt (im Gouvernement gab es Abwassersysteme nur in Samara und in Katharinenstadt). Es gab 1600 Wohnbauten, davon 1200 aus Holz, 255 aus Backstein, 145 aus Stein; 1300 Bauwerke hatten Holz- und 300 Bauten Metalldächer. Bei nahezu jedem Haus gab es einen Garten. Es arbeiteten ein Krankenhaus und eine Apotheke, 4 Hotels, 25 Gasthöfe, 2 Restaurants, 38 Gastwirtschaften. Das Telefon hatte 38 Anschlüsse. Im Sommer arbeiteten 25 Mietkutscher, im Winter waren es 10. In der Kolonie gab es einen Semstwo-Leiter, einen Polizeiaufseher, 2 Gerichts- und Untersuchungsstellen, einen Notar, 3 Gemeinschaftsversammlungen, eine Post- und Fernmeldestation, sie war Sitz der Wolost-Verwaltung und hatte eine Privatbank.
1874 wurde eine Fürsorgestelle für Knaben, 1897 ein Feierabendheim eröffnet. 1910 arbeiteten ein Haus der Arbeitsamkeit, Kinderheim, landständisches (Semstwo-) Krankenhaus, ein landständischer (Semstwo-) und 3 private Ärzte, ein Tierarzt. In den 1920er Jahren bestanden ein Kindergarten, 5 Kinderheime, ein Bauerngasthaus.
Am 25. Juni 1852 wurde ein Denkmal für Katharina II eröffnet, das vom Bildhauer Pyotr von Klodt gestaltet wurde. Die Kaiserin wurde als sitzende Figur aus Bronze mit einem Schriftstück in der Hand dargestellt, auf dem der Schriftzug „Manifest den 22 Juli 1763“ zu lesen war. Die Skulptur stand auf einem Marmor-Postament, auf dem auf zwei Seiten auf Deutsch und Russisch zu lesen war: „An die Kaiserin Katharina II als Dankbeweis der ausländischen Siedler Saratows. 24. November. 24 ноября 1848 года“. Anfang der 1930er Jahre wurde das Denkmal demontiert, 1941 für die Belange der Front eingeschmolzen. Am 29. September 2007 wurde ein rekonstruiertes Denkmal für Katharina II feierlich eingeweiht.
Entwicklung in der Sowjetzeit. In den 1920er Jahren wurde aktive Entwicklung der genossenschaftlichen Produktionsformen verzeichnet. 1926 arbeiteten eine zentrale Arbeitergenossenschaft, landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, ein Maschinenbaubetrieb. Es entstand eine Reihe gewerblicher Werkstätten und größerer Produktionsstätten wie Zimmererwerkstatt „Jungsturm“ (1927), „Metallowerk“ (1929), Schneiderei „Schneider“ (1929), Maschinen- und Traktorwerkstatt (1931), Netzflechtereibetrieb „Fischen-Flechter“ (1931), Korbflechterei „Korbflechter“, Genossenschaft „Prima“. 1929 wurde die Schustergenossenschaft „Schuster“ registriert. Zeitgleich ging die weitere Entwicklung der Industrie vor sich. Es arbeiteten ein zentrales Kraftwerk, Maschinenbaufabrik „Wiedergeburt“ (seit 1932 „Kommunist“, früher: Schäfer) Forsterei „K. Marx“ (1930), Fabrik zur Machorka-Herstellung „K. Marx“ (seit 1894).
Auf der Basis der Bauernwirtschaften wurden die Kolchosen „K. Marx“, „Lenin“, „Kosarew“ organisiert. 1930 entstand die Maschinen- und Traktorstation (MTS) Marxstadt, 1938 bediente sie 10 Kolchosen.
1919 wurde in Marxstadt eine Musikschule, 1922 eine pädagogische Fachschule, 3 technische Berufsschulen (1923) eröffnet. 1926 funktionierten 7 Grundschulen und eine Schule mit 7-Klassen-Unterricht, 4 Alphabetisierungsstellen, 5 Bibliotheken, ein Museum (1919–1937). 1932 entstand eine technische Fachschule für Mechanisierung der Landwirtschaft, 1937 eine Handelsfachschule. In den Vorkriegsjahren gab es in der Stadt eigenes Theater und ein Puppentheater.
Heutige Lage. Mit der Errichtung des Wolgograder Wasserkraftwerks wurde der Wasserspiegel in der Wolga in der Umgebung der Stadt Marx angehoben, was die Einrichtung moderner Schiffsanlegestationen und eines Binnenhafens direkt an der Stadt ermöglichte. In der Stadt funktionieren zwei große Produktionsstätten wie die OAG „Wolgadieselapparat“ und wissenschaftliche Produktionsfirma „MOSSAR“ sowie die Brauerei Marx, eine Butterei- und Käsereifabrik und eine Pflanzenölfabrik „Warenwirtschaft“. Ein großes Produktionskombinat fertigt Möbel, Ziegeln und sonstige Produkte. Es gibt Sägemühlen und Holzbearbeitungsfabriken. Es besteht ein entwickeltes Handelsnetz. In der Stadt arbeiten polytechnische, Agrar- und medizinische Fachschule. Es werden die Zeitungen „Wolozhka“ und „Geschäftliches Marx“ herausgegeben, arbeitet ein Heimatkunde-Museum (eröffnet 1995) mit reichhaltiger Exposition über deutsche Kolonisten, es gibt lutherische, katholische und orthodoxe Kirche, moslemische Moschee, ein Bethaus der Mormonen.
Quellen:
1) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.
2) Geschichte der Wolgadeutschen // http://wolgadeutsche.ru/list/katharinenstadt.htm
3) Лиценбергер О.А. История немецких поселений Поволжья. Часть 1 Лютеране: А–М. – Саратов, 2011.
4) Князева Е.Е., Соловьева Г.Ф. Лютеранские церкви и приходы России. XVIII–XX вв.: Истор. справ. Ч. 1. – СПб., 2001.
5) География Саратовской области // http://www.regionsaratov.ru/town/volga-town/marks.html#more-68