Karras

Ziskaukasien

Geschichte der Siedlung

KARRAS (Inosemzowo, Schotlandskaja), im Jahr 1804 gegründete evangelisch-lutherische Kolonie, deren Name auf das in der Nähe gelegene abasinische Dorf (Aul) Karras zurückgeht, dessen Bewohner einer Pestepidemie zum Opfer fielen.

Vor 1917 gehörte Karras zu unterschiedlichen Zeiten zu den Amtsbezirken Karras, Pjatigorsk bzw. Nowogrigorjewskoje (Bezirk Pjatigorsk, Kreis Nowogrigorjewskoje, Gebiet Terek) und in sowjetischer Zeit zu den Rayonen Mineralnyje Wody, Gorjatschewodsk bzw. Pjatigorsk (Region Ordschonikidse). Heute gehört die 10 km nördlich von Pjatigorsk gelegene Ortschaft zum Stadtkreis Schelesnowodsk (Region Stawropol).

Ursprünglich wurde die Siedlung von schottischen Missionaren gegründet. Am 25. November 1802 bestätigte Zar Alexander I. einen Bericht des Innenministers, dem zufolge die schottischen Missionare H. Brunton und A. Paterson darum baten, sich in der Nähe des Bergs Beschtau beim Aul Sultan niederlassen zu dürfen, „um das Christentum unter der örtlichen Bergbevölkerung zu verbreiten“. Am 25. Dezember 1806 stellte Alexander I. den in der Kolonie ansässigen Siedlern eine Urkunde aus. 1809 kamen die ersten aus den deutschen Wolgakolonien Sarepta und Anton stammenden deutschen Siedler nach Karras, deren Umsiedlung allerdings gegen den Willen der Behörden erfolgte. So fasste das  Ministerkomitee am 29. September 1817 zunächst den Beschluss, die deutschen Kolonisten aus Karras auszusiedeln, stimmte der Einrichtung der Kolonie schließlich aber doch zu. Die entsprechenden Beschlüsse wurden von Nikolai I. am 15. Dezember 1828 und am 26. Juni 1835 bestätigt. Entwicklung der Einwohnerzahlen: 166 (davon 123 Deutsche, 26 Briten und 17 zum Christentum bekehrte Angehörige der Bergvölker, 1813), 307 (1856), 527 (1874), 622 (1883), 663 (1889), 932 (1897), 1.353 (1911), 1.740 (1914), 1.393 (1918), 1.995 (davon 1.274 Deutsche, 1926). Landfläche: 7.000 Desjatinen (1807), 2.859 Desjatinen (1883) bzw. 3.498 Desjatinen (1910), davon 222 Desjatinen Waldfläche.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie war eng mit den Heilbädern und Mineralkurorten der Region verbunden. Anstelle des unrentablen Ackerbaus widmeten sich die Kolonisten zunehmend dem Obst- und Gemüseanbau, der Weinproduktion, dem Imkerwesen sowie der Fleisch- und Milchproduktion und belieferten die Märkte der Kurorte mit Blumen, Obst, Fleisch, Milch, Kefir und deutschem Käse. Darüber hinaus waren die Deutschen auch im Bereich des Anbaus und Verkaufs von Tabak aktiv und waren schon seit den Anfangsjahren der Kolonie die einzigen, die gewerbsmäßig Brot backten, mit dem sie die Großküchen und Restaurants der umliegenden Kurorte belieferten.

Auch das Handwerk spielte schon sehr früh eine wichtige Rolle. So waren bereits unter den ersten in die Kolonie kommenden Wolgadeutschen der Schlosser Johann Martin, der Gerber Christian Conradi, der Schuhmacher Johann Liebich, der Papiermacher Ludwig Liebich und der Schmied Johann Georg Engelhardt. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die Gerbereien von Rudolf Peddi sowie Karl und Julius Engelhardt, die Ziegelei von E.Ja. Alfton, das Kalksteinwerk „Jakor“, eine Butterei, acht Lebensmittelläden und eine Apotheke.

Ende des 19. Jahrhunderts führte die von Mineralnye Wody in die Heilbäder und Kurorte der Region führende Eisenbahnstrecke an Karras vorbei. 1915 wurde die in der Nähe gelegene Ausweichstelle nach dem Ingenieur I.D. Inosemzew benannt, der den Bau der Strecke initiiert und geleitet hatte.

In den Jahren 1806-66 gab es in Karras eine eigene evangelisch-lutherische Gemeinde, die später der  lutherischen Pfarrgemeinde Pjatigorsk unterstellt wurde. Die Gottesdienste wurden in einer eigenen im Jahr 1840 errichteten Filialkirche abgehalten.

Der Reichtum an Grünflächen, Blumen und Früchten, das wohlschmeckende und günstige Essen sowie das attraktive und gepflegte Ortsbild lockten zahlreiche Kurgäste nach Karras. Etwa drei Werst entfernt befand sich die Batalin-Heilquelle, die in den Sommermonaten zahlreiche Kurgäste und Kranke anzog. So waren auch die großen russischen Dichter A.S. Puschkin und M.Ju. Lermontow in Karras zu Gast. Letzterer brach im Jahr 1841 von hier aus zu dem Duell auf, bei dem er den Tod fand. Karras war der Geburtsort der lutherischen Pastoren I.T. Keller (1842-1918) und E.Je. Deggeler (1868-1956).

1926 war Karras Zentrum des gleichnamigen Dorfsowjets. Es gab eine Grundschule und eine Lesehütte sowie eine landwirtschaftliche Kooperationsgenossenschaft. Im Zuge der Kollektivierung wurde im Dorf die K. Liebknecht-Kolchose eingerichtet. 1933 nahm eine pädagogische Fachoberschule ihre Arbeit auf.

Im Jahr 1941 wurde die gesamte deutsche Bevölkerung von Karras in den Ural, nach Sibirien und nach Kasachstan deportiert.

Im September 1941 erhielt Karras den Status einer Siedlung. 1959 wurden die Siedlungen Karras und Nikolajewskaja zur Kursiedlung Inosemzowo zusammengeschlossen, deren Name auf die gleichnamige Eisenbahnstation zurückgeht. Im Januar 1983 erhielt Inosemzowo den Status einer Siedlung städtischen Typs innerhalb des Stadtkreises Schelesnowodsk.

 

Quellen:

  • Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.
  • Терещенко А.Г., Черненко А.Л.  Российские немцы на Юге России и Кавказе. Энциклопедический  справочник. Ростов н/Д ; ООО Ростиздат, 2000.