PRIWOLSCHSKOJE (Kukkus, Wolskoje, Neu-Brabant)

Gebiet Samara

Geschichte der Siedlung

Bis 1917 Gouvernement Samara, Bezirk Nowousensk, Kolonistenkreis Tarlyk; Amtsbezirk Stepnoje; in sowjetischer Zeit ASSR der Wolgadeutschen, Kanton Kukkus (Wolskoje) bzw. Kanton Seelmann (Rownoje).

Reformiertes und lutherisches Dorf. Gegründet 1767. Benannt nach dem ersten Dorfältesten Abram Kukkus. Gründer waren 53 Familien aus Isenburg, aus der Pfalz und aus Bayern. Werberkolonie von le Roy und Pictet. Angesichts der Tatsache, dass die ursprünglichen Siedler aus verschiedenen Regionen Deutschlands kamen, entstanden faktisch zwei Dörfer (Oberdorf und Unterdorf), die ihre jeweiligen Sitten und Gebräuche, Trachten und sogar Dialekte bewahrten. (Eine vergleichbare Situation gab es auch in Lesnoy Karamysch, Priwalnoje und in anderen Kolonien).

Am linken Ufer der Wolga 59 km südlich von Saratow gelegen.

1774 wurde die Kolonie im Zuge des Pugatschow-Aufstands geplündert, auch wenn angenommen wird, dass die Plünderer ohne Wissen Pugatschows handelten. In den Jahren 1774–76 wurde Wolskoje wie zahlreiche andere auf der Wiesenseite der Wolga gelegene Kolonien immer wieder von Kirgis-Kajsaken, Kara-Kirgisen und Kalmücken angegriffen, die sich als angestammte Herren der Steppe verstanden und das Land nicht den Kolonisten überlassen wollten.

Die Bewohner der Kolonie gehörten zu den evangelischen Kirchengemeinden Messer und Kukkus (ab 1820). Vor der Revolution hatte der Probst der Wiesenseite in Wolskoje sein Domizil. Im Dorf gab es eine Kirche, die 1932 geschlossen wurde, woraufhin in dem Gebäude bis zum Jahr 2000 ein Kino untergebracht war. Ein Teil der Bewohner waren Baptisten.

Landfläche: 6.105 Desjatinen (1857; 182 Familien).

Die unter den Bewohnern am weitesten verbreiteten Handwerke waren die Töpferei und die Korbflechterei. Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Dorf eine Dampf- und fünf Windmühlen, zwei Senffabriken und zwei Molkereien gebaut. Am Wolgaufer gab es einen Personenschifffahrts- und einen Getreideanleger sowie eine Fähre zum rechten Ufer der Wolga. 1871 wurde eine Semstwo-Volksschule eröffnet. Es gab eine Apotheke.

Anfang des 20. Jahrhunderts (1909) siedelte ein Teil der Bewohner (241 Personen) nach Sibirien und ins Generalgouvernement Steppe über.

1926 gab es im Dorf einen Dorfsowjet, einen Genossenschaftsladen, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, eine Grundschule, eine Bibliothek und einen Klub. 1930 wurde eine Maschinen-Traktoren-Station eingerichtet. Im Zuge der Kollektivierung wurden im Dorf die Kolchosen „Komintern“ und „Rotbanner“ gegründet.

Infolge der Kollektivierung kam es 1930 in Kukkus zu Massenunruhen, bei denen die Bauern gegen die Entkulakisierung ihrer Dorfnachbarn protestierten. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Unruhen wurden die Dorfbewohner harten Repressionen unterzogen.

1937 wurde im Dorf eine Schule gebaut, in deren Gebäude einige Zeit auch ein Waisenhaus und in den Jahren des Krieges ein Hospital untergebracht war.

Geburtsort der lutherischen Pastoren I. Allendorf (1856–1932) und W.R. Lohrer (geb. 1905) sowie des 1944 gefallenen Helden der Sowjetunion P.E. Trunkin.

Am 3. September 1941 begann die Deportierung der deutschen Bevölkerung in die östlichen Landesteile, in deren Folge die im Kanton Kukkus ansässige Bevölkerung (einschließlich der Einwohner von Kukkus) in die Regionen Krasnojarsk und Altaj sowie in die Gebiete Omsk, Nowosibirsk, Kustanaj, Pawlodar, Akmola und Nord-Kasachstan kam. Anschließend wurde Kukkus zunächst in Wolskoje und später in Priwolschskoje umbenannt.

Infolge des Baus der Wolgograder Talsperre (1958–61) wurde ein Teil des Dorfes Priwolschskoje geflutet.

Heute ist das Dorf Verwaltungszentrum der Landgemeinde Priwolschskoje (Rayon Rownoje) und hat 1.577 Einwohner. Die Bevölkerung besteht mehrheitlich aus Russen und Kasachen, etwa 4% der Einwohner sind Deutsche. Zur Landgemeinde gehört auch die frühere deutsche Kolonie Jablonowka. Im Dorf gibt es den landwirtschaftlichen Betrieb „Wolschskoje“ sowie die im Gebäude der früheren lutherischen Kirche untergebrachte Mineralwasserfabrik „Perle des Sawolschje“.

Entwicklung der Einwohnerzahlen: 187 (1767), 181 (1773), 228 (1788), 315 (1798), 343 (1816), 826 (1834), 1.202 (1850), 1.524 (1859), 2.226 (1883), 2.233 (1889), 2.419/ davon 2.367 Deutsche (1897), 3.432 (1904; 3.122 Reformierte, 310 Lutheraner), 3.334 (1910), 3.020 (1923), 2.731/ davon 2.684 Deutsche (1926), 3.108 (1939).

Nach 1922 war das Dorf Verwaltungszentrum des im gleichen Jahr auf dem linken Wolgaufer südlich von Pokrowsk (Engels) gegründeten Kantons Wolskoje (Kukkus) der ASSR der Wolgadeutschen. Im Dezember 1927 wurde das Territorium des Kantons an den Kanton Seelmann (Rownoje) angeschlossen, im Januar 1935 ging es an den wiedererrichteten Kanton Kukkus zurück. Dabei wurde der Dorfsowjet Köppental dem Kanton Lysanderhöh angeschlossen, während das ursprünglich zum Kanton Seelmann gehörige Dorf Alt-Warenburg an den Kanton Kukkus überging.

Im Jahr 1926 gehörten die folgenden deutschen Dorfsowjets und Dörfer zum Kanton: Bangerdt, Brabander, Deller (Deller und Gehöft Manheim), Dinkel (Dinkel, Gehöft Lütz und Friedenheim), Jost (Jost, Gehöft Neu-Jost, Otruba), Köppental (Walujewka, Hohendorf, Köppental, Lysanderhöh, Lindenau, Medemtal, Gehöft Neu-Warenburg, Orlow, Ostenfeld, Fresenheim, Sowchose Nr. 5), Kukkus, Laub (Laub und sieben bei Laub gelegene Gehöfte) Lauwe (Lauwe, Gehöft Alte-Tenne, Wischnewaja, Dammfeld, Kolonist, Lauwental, Lichtenfeld, Friedenfeld, Straßburg), Stahl, Straub (Straub, Gehöft Tarlyksfeld, Friedenfeld).

Zu unterschiedlichen Zeiten gehörten dem Kanton zudem die folgenden deutschen Gehöfte an: Warenburg, Wacht, Kukkusskij, Fleischsowchose Nr. 105, Neu-Bangerdt, Neu-Straub, Petersheim, Stahl, Esau, Eigenheim, Jablonowskij.

Der Kanton hatte eine Fläche von 1.257 km² (1926) bzw. 1.067 km² (1941).

Per Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 7. September 1941 wurde der Kanton dem Gebiet Saratow angeschlossen.

Entwicklung der Einwohnerzahlen: 21.556 (1922), 23.111/ davon 22.840 Deutsche (1926), 25.100/ davon 24.131 Deutsche (1939).

 

Literatur:

  • Герман А.А. История Республики немцев Поволжья в события, фактах, документах. – 2-е изд. – М.: Готика, 2000. – 320 с.
  • Герман А.А. Немецкая автономия на Волге. 1918–1941. Часть ІІ. Автономная республика. 1924–1941. – Саратов: Изд-во Саратовского ун-та, 1994. – 416 с.
  • Дитц Я.Е. История поволжских немцев-колонистов. – М.: Готика, 1997. – 496 с.
  • Немцы России: населенные пункты и места поселения: энциклопедический словарь / Сост. В.Ф.Дизендорф. – М.: «ЭРН», 2006. – С. 202.
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  • Ровное. Арбузная столица Саратовской области: Историко-публицистическое издание / Гл. ред. В.В.Иванов. – Саратов: Приволжская книжная палата, 2015. – (Сер. «Золотое сердце Поволжья»). – 135 с.
  • Шпак А.А. Административно-территориальные преобразования в Немповолжье. 1764–1944 гг. – Волгоград: Царицынская полиграфическая компания, 2012. – 385 с.