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Sorkino (Zürich; Eckert, Eckardt, Ekgart)

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SORKINO (Zürich; Eckert, Eckardt, Ekgart), lutherisch-reformiertes Dorf, gegründet am 3. August 1767 auf dem linken Wolga-Ufer, liegt 87 km nordöstlich von der Stadt Engels. Gehörte vor 1917 zum Kolonistenkreis Paninskoje (nach 1871 Wolost Paninskoje)  des Ujesd Nikolajewsk, Gouvernement Samara. In der Sowjetzeit – zur ASSR der WD, Rayon Paninskoje (Schönchen), danach  Kanton Marxstadt, Unterwalden. Heute ist es Dorf Sorkino des Rayons Marx, Gebiet Saratow, Zentrale des munizipalen Gebildes Sorkino.  Zu diesem Gebilde gehören die Dörfer Wolkowo (Schaffhausen), Georgijewka (Glarus), Worotajewka (Bettinger), Wassiljewka (Basel), Sorkino (Zürich), Solotowka (Wittmann), Jastrebowka (Zug) und Michajlowka (Remmler).

Einwohner: 146 (1769), 193 (1773), 256 (1788; 49 Familien), 326 (1798; 53 Familien), 550 (1816; 84 Familien), 966 (1834; 132 Familien), 1321 (1850; 176 Familien), 1589 (1857; 181 Familien), 2006 (1889), 2639 (1897; 2612 deutschstämmig), 4610 (1905; 3314 – Reformierte), 5109 (1910), 3093 (1920), 2671 (1922), 2559 (1923), 2292 (1926; 2279 deutschstämmig), 3198 (1931; 3191 deutschstämmig). Geburtsort  des Historikers D.D. Schmidt (1897–am  8.02.1938 erschossen), des öffentlichen Funktionärs G.D. Arngold (geb. 1923).

Werberkolonie von Baron de Beauregard. Genannt nach dem Schweizer Kanton Zürich. Den zweiten Namen erhielt die Kolonie nach dem ersten Vorsteher Johann Paul Eckhardt. Wurde am 13. (26.) März 1915 in Sorkino umbenannt. Wurde  am Fluss Malyj Karaman angelegt,  1770  in eine bequemere Lage verlegt. Die Kolonie wurde von 42 deutschen Familien aus Hessen-Darmstadt, Nassau und Sachsen gegründet.  Die Errichtung der Häuser  wurde 1771 vollendet.

Die lutherisch-reformierte Gemeinde gehörte zur Pfarrei Bettinger.  1770 wurde die erste Kirche aus Holz gebaut, durch einen Gewitterschlag abgebrannt. An ihrer Stelle wurde 1877 die Erlöserkirche aus  Stein für 900 Plätze erbaut. Die Planung wurde vom Berliner Architekten Johann Eduard Jacobsthahl (1839–1902) übernommen. Neoromanischer Stil, 38 Meter hoher Turm mit 4 Uhren. Gegenüber der Kirche wurde mit der Zeit ein Schulgebäude errichtet.

1769 lebten in Zürich 42 Familien (146 Personen), alle waren Ackerbauer. Es wurden 14 Wohngehöfte gebaut. Die Kolonisten besaßen 76 Pferde,  30 Kühe und Kälber. Im Herbst 1768  wurde die erste Aussaat durchgeführt, es wurden  110 Quart (22 m3) Roggen ausgesät. Ende des 18. Jh.  besaßen 12 Kolonisten Gärten, 3 Kolonisten besaßen Bienengärten. Es wurden Weizen, Roggen, Hafer, Kartoffeln und Tabak angebaut.   Anfang des 19. Jh.  wurde mit dem Anbau von Minze, Kamille und Rotkohl begonnen. 1889 wurden 150 Desjatin Land für den Tabakanbau genutzt. Das Anteilland  machte  1857 5305 Desjatin aus, auf jede bei der Bevölkerungsprüfung erfasste Person entfielen 6,3 Desjatin Land. Es war der Tabakanbau verbreitet, es gab eine Mühle.   1859 zählte die Kolonie 162 Gehöfte mit der Bevölkerung von 1485 Personen (780 Männer und  705 Frauen).

So wanderte aus Zürich z.B. Caspar Grefenstein mit dem Sohn Caspar aus.

1910 bestanden 615 Gehöfte mit  5109 Personen (2686 Männer, 2423 Frauen). Es wurden 8626 Desjatin ackerbares und 1145 Desjatin unlandiges Land ausgewiesen. Das Dorf hatte eine lutherische Kirche,  landständische (Semstwo-) Gemeinschaftsschule, einen freiberuflichen Arzt und eine Apotheke, 1903 wurde ein Krankenhaus eröffnet. Es gab ein Feuerwehrhaus. Am 20. Februar  (5, März) 1898 wurde die Satzung der Gesellschaft für  Armenunterstützung der Pfarrei Baratajewka in Zürich bestätigt. 1910 wurde in Zürich eine Armenversorgungsgesellschaft für die Hilfeleistung an Arme, Witwen und Waisenkinder geschaffen. Laut allgemeinpolizeilicher Verwaltungsordnung wurde das Dorf als Teil 1 eingestuft.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges  gab es unter den an die Front eingezogenen Soldaten die Kolonisten aus Zürich. Bekannt sind nur einige Namen wie z.B. A.G. Gensa, D. Wachtel, A.K. Miller, G. Miller,  I. Moch, F. Specht, Ch. Schannecht.

Am 23. März  1918 leisteten die Kolonisten von Sorkino bewaffneten Widerstand  gegen einen Trupp zur Einziehung von Nahrungsmitteln, der hierher aus Wolsk zur Abholung von Getreide geschickt wurde. Der größere Teil des Trupps wurde vernichtet. Am  25. März wurde der Aufstand niedergeschlagen. Am 5. Juli 1918  brach ein Aufstand gegen die Bolschewiken  in den nördlichen Kolonien Zürich, Schaffhausen, Glarus, Solothurn, Baratajewka und Basel aus. Unter den Bewohnern war er als „Milchkrieg“  bekannt. So gelangte Zürich in den Mittelpunkt der Ereignisse. Die Züricher Aufständischen wurden von den Brüdern Gottlieb, Tobias und Andrej Reit  und Friedrich Fink angeführt. Im Laufe eines Artilleriebeschusses des Dorfes  am 11. Juli wurde  die Gebäude  der Kirche und  Schule schwer beschädigt.  Der Aufstand wurde am 18. Juli endgültig niedergeschlagen.

Nach der Gründung der Arbeitskommune (des Autonomen Gebiets) der Wolga-Deutschen in 1918  wurde das Dorf zum Verwaltungszentrum des Landrates Zürich, Kanton Marxstadt.  Seit dem 1. Januar 1935, nach der Ausgliederung  des Kantons Unterwalden aus dem Kanton Marxstadt  und bis zur Auflösung der ASSR der WD  in 1941 gehörte Zürich zum Kanton Unterwalden der ASSR der WD.

1926 gehörten zum Landrat Zürich das Dorf Zürich, die Vorwerke Majanka, Tischanka, Taal, Kuschum, Neue-Tenne. 1929 war D. Schneider Vorsitzender des Landrates, sein Stellvertreter war David Jakowlewitsch Daiker.  1931 stand der Landrat unter Leitung von Karl Bock.

Laut Angaben der Allrussischen Volkszählung von 1920 lebten im Dorf 3093 Personen, es gab  459 Haushalte, einschließlich 456 deutsche Haushalte. Im Zusammenhang mit  ausgebrochener Hungersnot von  1921–1922 gab es in der Region einen drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl.  1921 wurden im Dorf  158 Personen geboren,  439 sind gestorben. Am  1. Januar 1922 lebten in Zürich 2671 Personen. Nach Angaben vom 15. Januar 1922  wurden von der Hungersnot  1397 Personen über 16 Jahren betroffen. 1926 zählte das Land 531 Haushalte, die deutschstämmige Bevölkerung machte 2279 Personen (1172 Männer, 1107 Frauen), 523 Haushalte aus; es gab einen Genossenschaftsladen, eine landwirtschaftliche Kreditgenossenschaft, eine Grundschule.  Die Räumlichkeiten des früheren Volkshauses wurden für den Klub genutzt. Auf der Basis der Windmühle  mit  Stromerzeuger  entstand ein Genossenschaftsbetrieb „Bolschewik“ (bestand 1926–1928). Im Laufe der Kollektivierung wurde die Kolchose „Stalinez“ gegründet. 1935 entstand die Maschinen- und Traktorstation (MTS)  Zürich, die 7 Kolchosen bediente. Am 1. Juni  1935 umfasste der Fuhrpark 56 Traktoren, 4 Mähdrescher, 6 LKWs.

Anfang der 1930er Jahre wurde die Kirche geschlossen. 1934 wurden die Kuppeln und das Kreuz abgetragen, die Orgel  gebrochen und demontiert. Der Kirchenraum wurde mehrere Jahre lang als  Lager, Bibliothek,  Klub genutzt.

Im September  1941 wurde die Bevölkerung der ASSR der WD nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Zuerst wurden die Bewohner von Zürich  auf Lastbeförderungsschiffen nach Engels und von dort aus in Eisenbahnwaggons in den Osten transportiert. Am 5. Juni 1942 wurde der Landrat Zürich  in Landrat Sorkino umbenannt. Frühere deutsche Straßennamen erhielten ebenfalls neue Bezeichnungen, so wurde z.B. die Wasserstraße zur Naberezhnaja Str., die Landestraße  erhielt den Namen Perwomajskaja.

Heute leben in Sorkino weniger als 1000 Personen. Die Nachkommen mancher deportierten Familien wie etwa Jung, Meier, Miller, Katzedorn, Grefenstein kamen aus dem Altai zurück. Die fünf früher umbenannten Straßen wurden  durch eine weitere Straße mit dem Namen Nowaja ergänzt. Das Dorf hat regelmäßige Busverbindung mit dem Rayonszentrum. Neben dem Dorf verläuft die föderale Autobahn R226. Es bestehen eine allgemeinbildende Oberschule (Lenin-Str. 27), ein Krankenhaus, ein Fernmeldeamt und eine Zweigstelle der Sparbank (Sberbank) sowie Verkaufsläden.  1987 wurde vor der Schule ein Denkmal für die im Großen Vaterländischen Krieg gefallenen  Soldaten aufgestellt. Die wirtschaftliche Grundlage des Dorfes bildete die Kolchose „Progress“.

2013 wurde auf Anregung des Verdienten Bauarbeiters Russlands Karl Karlowitsch Loor aus Belgorod, eines Nachkommens der Bewohner von Zürich,  mit dem  Wiederaufbau der lutherischen Kirche begonnen. Nach der Zerstörung der Kirche gab ihr  ein Brand den Rest, so dass zum Zeitpunkt des Wiederaufbaus nur die Wände übrigblieben.  Es wird geplant, das neue Kirchengebäude in ein Kultur- und Tourismuszentrum zu verwandeln. Daneben werden ein Gästehaus für 10 Zimmer und ein Cafe errichtet. Das Vorhaben ist für 3 Jahre ausgelegt.

 

Quellen:

1) Немцы России. Населенные пункты и места поселения: энцикл. словарь. / Сост. В.Ф. Дизендорф. 3-е перераб. Интернет-издание. – 2011.

2) Geschichte der Wolgadeutschen // http://wolgadeutsche.ru/list/zuerich.htmhttp://wolgadeutsche.net/history/zuerich_sorkino.htm#prettyPhoto

3) Саратовская Швейцария // http://www.aboutswiss.ch/blogs/iromanov/saratovskaya-shveytsariya/

4)  Зоркино. Саратовская область // http://ru.wn.com/Зоркино_(Саратовская_область)

5) Немецкое Поволжье. Ч. 1: Зоркино, или Цюрих-на-Волге // http://varandej.livejournal.com/491513.html#cutid1

6) Князева Е.Е., Соловьева Г.Ф. Лютеранские церкви и приходы России. XVIII–XX вв.: Истор. справочник. Ч. 1. – СПб., 2001.

7) Большая саратовская энциклопедия // http://saratovregion.ucoz.ru/region/marksovskiy/zorkino.htm

8) Маленькая церковь для большой души // http://www.ru.mdz-moskau.eu/kirche-zurich-sorkino/

9) Возвращение // http://nversia.ru/rubric/view/id/6692

10) Райт А. История поволжской Родины моих предков Райт – материнской колонии Цюрих

 // http://forum.wolgadeutsche.net/viewtopic.php?f=4&start=40&t=1742  (по ссылке «Молочная война 1918 г.»)